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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 07:53

Comicfestival München 2011

30.06.2011

Die Stadt muss mehr tun

Beim Münchner Comic-Festival am Fronleichnams-Wochenende gärte es unter Ausstellern und Besuchern. Ob es eine produktive Unruhe war, die das Festival voranbringt, oder nur sich allmählich verstärkender Ärger und Frust, versucht ANDREAS ALT zu klären.

 

Neues Organisatorenteam, neue Lokalitäten: Da musste sich der Besucher zunächst orientieren, auch wenn er Comicfest-erprobt war. Das begann mit der Erfahrung, dass man den Lenbach-Platz zu Fuß schlecht überqueren kann, wenn man vom Hauptbahnhof her kommt. Das Künstlerhaus, neues Domizil der Comic-Messe und Herzstück des Festivals, ist nur vom Stachus aus gut zu erreichen. Das Alte Rathaus, vor zwei Jahren noch Standort der Comic-Messe, stand wegen Renovierung diesmal nicht zur Verfügung.

 

Das Künstlerhaus, 1893 als Treffpunkt und Repräsentationsort der Münchner Künstlerszene im Renaissancestil gebaut, ist eine stilvolle und durchaus passende Kulisse für das Comicfest. Aber die Orientierungsprobleme gingen hier erst richtig los. Man durchquerte einen kleinen, von hohen Mauern umgebenen Innenhof, passierte den Eingang und sah innen Ausstellungsräume auf der rechten und eine große Treppe auf der linken Seite. Wo sie endet, stößt man auf einen Festsaal mit Bühne, in dem zwischen den Verlagsständen drangvolle Enge herrschte. Auf der Bühne wurde signiert und wurden später die Comic-Preise vergeben.

 

Schöner Festsaal, aber fast zu wenig Platz für die Verlagsmesse im Münchner Künstlerhaus. Foto: ComicGuide.net Schöner Festsaal, aber fast zu wenig Platz für die Verlagsmesse im Münchner Künstlerhaus. Foto: ComicGuide.net

Über die ganze Innenstadt verstreut

Weitere Stände waren vor der Saaltür und auf der Galerie aufgebaut, und hier waren auch kleine Ausstellungen untergebracht. Über eine enge, zunehmend düstere Treppe gelangte man dann zuerst zur »Spieldose«, einem kleinen Theatersaal, in dem durchgehend gut besuchte Zeichenkurse stattfanden, und schließlich zu einer zweiten Messeabteilung in Clubräumen unter dem Dach. Hier waren die »Independent Verlage« angesiedelt. Man konnte alternativ einen Aufzug benutzen, der freilich nicht ohne Macken war. Wer sich mit dem Künstlerhaus einigermaßen vertraut gemacht hatte, konnte sich auf die Suche nach den übrigen Ausstellungs- und Veranstaltungsorten des Festivals begeben, die über die gesamte Innenstadt verstreut waren.

 

Manche Orte waren noch vom Festival 2009 her vertraut: das Bier- und Oktoberfestmuseum, in dem einige Vorträge und Diskussionen sowie eine Ausstellung zu den Wiesn-G’schichten des Vereins Comicaze stattfanden, das Valentin-Musäum im Isartor mit Christian Mosers Monstern des Alltags oder die Glockenbach-Werkstatt mit der Ausstellung zu Felix Mertikats Comic Steam Noir. Die meisten waren neu und für einen ortsunkundigen Festivalbesucher gar nicht so leicht zu finden. Auch wenn etwa das Jagd- und Fischereimuseum direkt in der Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz liegt, ist doch der Eingang von der Straßenfront abgewandt, und den orangen Comic-Fest-Aufsteller neben der Tür musste man erst mal entdecken. In diesem Museum war (und ist noch bis 10. Juli) die sorgfältig kuratierte Ausstellung über Helmut Nickel, einen wichtigen deutschen Comiczeichner der 50-er Jahre, in einem Seitenflügel der ehemaligen Augustinerkirche zu besichtigen.

 

Mehr oder weniger lohnende Wege

Eine »kleine Comicmeile«, wie das die Veranstalter nannten, gab es nicht in München. Vielmehr musste der Ausstellungsbesucher die Innenstadt kreuz und quer durchwandern, und der Weg lohnte sich mal mehr, mal weniger.

- Das Instituto Cervantes mit einer Dani-Montero-Ausstellung: ziemlich abgelegen (gleiches galt für die Glockenbach-Werkstatt und das Café Kosmos, die zudem ihre eigenen Öffnungszeiten haben).

- Das Jüdische Museum: die dort annoncierte Ausstellung »Das Jüdische im Superhelden-Comic« bestand nur aus drei, immerhin von Wolfgang J. Fuchs kompetent kommentierten Exponaten, aber es gab interessante Infoveranstaltungen.

- Das Kulturreferat mit Reinhart Kleists Castro: Kubanische Atmosphäre wurde im wenig einladenden Eingangsbereich zumindest ansatzweise inszeniert, und es gab auch ein paar Informationen zur Entstehung des Werks.

- Der Christian Fischbacher-Showroom mit Disney-Comics über Mode: Ungewöhnliches Ambiente und so etwas wie ein kleines Café, also eine Rückzugszone, die sonst auf dem Festival spürbar fehlte.

- BMW am Lenbachplatz mit Batman-Comics (offizielles Thema: Batmobil): Kleine Schau im Untergeschoss, die aber doch eine Reihe namhafter US-Zeichner und eine große Bandbreite von Zeichenstilen präsentierte.

 

Die Ausstellungen im Künstlerhaus wiesen ebenso schwankende Qualität auf: Umfangreicher, aber nicht unbedingt gut kommentiert waren Thomas von Kummants Umsetzung von Wolfgang Hohlbeins Chronik der Unsterblichen, die Ausstellung zum Niederschlag, die B. Traven im Comic und der Populärkultur gefunden hat, und die zum Gastland Spanien (mit Miguelanxo Prado, Juanjo Guarnido und Roger Ibanez) sowie die zu Gerhard Schlegels Piccoloserie Tyrok. Eher wie Lückenbüßer wirkten die Ausstellungen auf der Galerie (interessant: ein noch unvollendetes Werk der Newcomerin Carolin Walch, aber völlig ohne Erläuterungen) und in den Clubräumen (darunter im buchstäblich hintersten Winkel eine über Peyo und seine Schlümpfe).

 

Hinter dem Eingang zum Künstlerhaus wartete ein labyrinthischer Bau, in dem sich die Besucher zunächst zurechtfinden mussten. Foto: ComicGuide.net Hinter dem Eingang zum Künstlerhaus wartete ein labyrinthischer Bau, in dem sich die Besucher zunächst zurechtfinden mussten. Foto: ComicGuide.net

Zwiespältiger Eindruck

Das alles vermittelte einen zwiespältigen Eindruck, und dem entsprach die Stimmung auf der Messe. Vor allem in den Clubräumen war viel Gegrummel über den abgelegenen Standort und häufige Organisationspannen zu hören. Die Einteilung der Stände sei willkürlich, denn im Independent-Bereich seien nicht nur Fanzinemacher, sondern auch mittelgroße Verlage vertreten. Die neuen Organisatoren vom Comicstadt München e. V. seien telefonisch nicht zu erreichen gewesen und hätten E-Mails nicht beantwortet, dafür aber Termine und Vereinbarungen mitunter kurzfristig und ohne Rücksprache umgeworfen. Das Festival werde im Stadtbild nicht sichtbar, Außenwerbung am Künstlerhaus gebe es nicht. Andererseits hieß es, der Besucherandrang in den Clubräumen sei durchaus zufriedenstellend, es werde ganz ordentlich verkauft.

 

Ganz ähnlich war das Stimmungsbild im Festsaal. Angesprochene Verlagsvertreter wollten hier dezidiert nicht namentlich zitiert werden, aber nicht, weil sie nicht zu ihrer Kritik standen, sondern weil sie bereit waren, Mängel und Fehler den neuen Veranstaltern gutzuschreiben, und sich erst zu beklagen, wenn sie sich beim nächsten Comicfest wiederholen sollten. Häufige Kritikpunkte waren die Enge im Saal, Chaos bei Signierterminen und allgemein schlampige, »unprofessionelle« Organisation. Die Gespräche auf den Partys abends würden sich darum drehen, was am Tag wieder alles schief gegangen sei. Teilweise wurde aber auch im Gegenteil gelobt, die Organisatoren seien immer ansprechbar und hätten sich vorbildlich um alles gekümmert.

 

Die Ausstellung des Altmeisters Helmut Nickel im Jagd- und Fischereimuseum war ein Highlight des Münchner Comic Festivals. Repro: titel-magazin.de Die Ausstellung des Altmeisters Helmut Nickel im Jagd- und Fischereimuseum war ein Highlight des Münchner Comic Festivals. Repro: titel-magazin.de

Helmut Nickel war der Star unter den Künstlern

Ein klarer Pluspunkt des Festivals waren die eingeladenen Künstler, allen voran der 87-jährige Helmut Nickel, der schon seit langem in USA lebt, aber lustvoll wieder in die Comic-Szene eintauchte und sich über die Aufmerksamkeit, die er in Deutschland noch immer genießt, sichtlich freute. Freundlich und zugänglich präsentierten sich aber auch aktuelle Zeichnerstars wie Prado, François Walthéry (einst Assistent von Peyo), Howard Chaykin, Brian Bolland (beide namhafte Superhelden-Zeichner), Bill Morrison (Die Simpsons), Ulrich Schröder oder Daan Jippes (beide Disney). Die Festival-Organisatoren hatten also nicht überall versagt.

 

Ein geschickter Schachzug war auch, bei den Ausstellungen verstärkt mit Münchner Museen zusammenzuarbeiten (sie mussten dann freilich zum Museumskonzept passen) und einige von ihnen schon vorzeitig zu eröffnen. Insbesondere als Nickels Winnetou-Ausstellung ihre Pforten öffnete, sorgte das für frühe Medienaufmerksamkeit. So dürfte zu erklären sein, dass unter den Festivalbesuchern auffallend häufig solche auftauchten, die unzweifelhaft nicht zur Szene gehörten und sich einfach umsehen wollten. Insgesamt dürften wie beim letzten Mal wieder um die 8000 Eintrittskarten verkauft worden sein.

 

Die Presseresonanz hielt allerdings während des Comic-Fests nicht an. Eine Pflichtmeldung über die »Peng!«-Preisträger, ein Artikel über Supermans jüdische Herkunft und ein Nachbericht im Münchner Lokalteil der Süddeutschen Zeitung – das war’s dann so ziemlich. Das war unbefriedigend, vor allem, wenn man zum Vergleich auf das parallel stattfindende Filmfest München blickte, das freilich mit Stargästen ganz anderen Kalibers (etwa John Malkovich) und einem nicht ganz so als spinnert angesehenen Publikum aufwartete.

 

»Würden ganz gern bleiben«

Heiner Lünstedt, der Vorsitzende des Comicstadt München e. V., zog erwartungsgemäß ein positives Fazit. Gravierende Mängel in der Organisation mochte er nicht erkennen, und man wollte ihn darauf auch nicht festnageln, da er ununterbrochen über die Messe und durch Ausstellungen wuselte, sich auf Podien setzte und nebenbei noch der Presse stellte. Er wollte auch das Künstlerhaus als Veranstaltungsort beibehalten: »Wir würden ganz gern hier bleiben. Wir haben hier im Haus große Unterstützung.«

 

Lünstedt sah das Festival in der Kontinuität der vergangenen Jahre, auch wenn er Reibereien zwischen seinem Verein und dem Verein Comicfest München, der zuletzt die Veranstaltung auf die Beine gestellt hatte, nicht ganz leugnen konnte. »Aber wir sind noch freundlich zueinander«, versicherte er. Offenbar war eine Zeitlang im Gespräch, künftig in München zwei konkurrierende Veranstaltungen auf die Beine zu stellen, was das städtische Kulturreferat verhindert haben dürfte.

 

„Die Stadt sagte, dass die Vereine zusammengehen sollen – oder alle Zuschüsse werden gestrichen“,  sagte Gerhard Schlegel, der zuvor fünf Mal das Comicfest veranstaltet und sich für diese Aufgabe persönlich wohl schon länger eine Ablösung gewünscht hatte. Er entlastete Lünstedt und seine Mitstreiter, indem er von Anlaufschwierigkeiten bei der Organisation sprach, aber er setzte hinter das Künstlerhaus ein Fragezeichen. »Es hätte alternativ eine große Location gegeben, in der man die Messe nicht hätte aufteilen müssen.« Um was für einen Saal es sich handelte, mochte er nicht sagen; er wäre gewiss weniger prunkvoll als der Neorenaissancebau gewesen, aber laut Schlegel doch vorzeigbar: »Er hat den Charme eines 60-er-Jahre-Kinos.«

 

»Die Stadt macht es sich einfach«

Die Rolle der Stadt München sah Schlegel recht kritisch. Die Stadt gebe den Vereinen das Geld, mache es sich damit einfach und sich zugleich unangreifbar. Anfangs habe München gar keine Verlagsmesse gewollt, die sei dem Kulturreferat zu kommerziell erschienen. Jetzt werde das Comicfest geschätzt, soweit es der Stadt Renommee bringe, aber ansonsten herrsche eher Desinteresse. Rainer Schneider von Comicaze bestätigte die Einschätzung: Die Stadt habe sich für das Comicfest nie so verbindlich entschieden wie Erlangen für den Comic Salon. Dort könnten die Veranstalter, im Übrigen Mitarbeiter des Kulturreferats, auf eine gewaltige Logistik zurückgreifen. Die Münchner Veranstalter hätten nicht einmal ein Organisationsbüro und müssten sich permanent selbst ausbeuten. Angesichts dieser Umstände fand Schneider das Comicfest »extrem gut vorbereitet«.

 

Da reizte es, den derzeitigen Verantwortlichen für den Comic Salon Erlangen, Bodo Birk, zu befragen. Es ist bereits Tradition, dass sich die beiden Comicveranstaltungen gegenseitig besuchen und jeweils mit einem Stand präsent sind. Birk war nicht nur diplomatisch, als er die Münchner lobte: Das Festival sei gelungen, die Atmosphäre schön, das Publikum angenehm. Er deutete die festgestellten Probleme positiv um. Das Comicfest wachse. Mit der Zeit werde es ohne Organisationsbüro und andere Einrichtungen, die diesmal noch fehlten, nicht mehr gehen, und dann werde sich die Stadt München entscheiden müssen, das Comicfest besser zu begleiten und sich mehr zu engagieren. Die Münchner Veranstalter werden das gern hören.

 

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