Worternte auf hoher Konzentration
Einem gekauften Buch bzw. seinem Autor gegenüber eine gewisse Erwartungshaltung zu haben, bespaßt, gefesselt oder zumindest gut unterhalten werden zu wollen, ist legitim – andererseits darf auch ein Buch vom Leser ein gerüttelt Maß an Bemühung einfordern. Auf Fundus bzw. Matthias Kehle trifft wechselseitig beides zu, und zwar ohne Abstriche. Wer zu seinen Büchern greift, ist nicht auf der Suche nach billigem Thrill oder belangloser Unterhaltung, sondern erhält Lyrik auf hohem sprachlichen Niveau, muss jedoch auch Zeit und Konzentration investieren, um unverschnittene Worternte betreiben zu können.
Dass das Wort Fundus viele Menschen an dunkle Räume mit staubbedeckten Kisten denken lässt, an ein Endlager für nicht mehr gebrauchte Requisiten und Kostüme, die beim nächsten Tag der Offenen Tür versteigert werden, um Platz zu schaffen, täuscht ein wenig über die positiven Seiten eines Fundus hinweg: ein sicherer Platz zur Unterbringung von Dingen, die zu schade sind, um sie wegzuwerfen; Dinge, die man konservieren, die man für später aufheben möchte, Gedanken, Erinnerungen, Briefe und Fotos, auch Stimmen; Dinge, die im Bedarfsfall abgerufen, reaktiviert werden können, ein externer Speicher. Und Kehle greift zu, nutzt diesen Speicher, arbeitet sich an seinen Themen ab, schreibt vom Reisen und vom Ankommen, von urbanen Jahreszeiten, von körperlicher und geistiger Heimat und familiärer Vergangenheit.
Grüner Fels roter Fels
die Karabiner der
Bergsteiger läuten
Laß die Jungen vorbei
sie steigen so schnell warte
Nimm einen Stein mit
Schönheitsfehler
leg ihn zu den anderen