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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 08:02

Schiffe aus Feuer

06.09.2010

Brennende Fabulierlust

Die Herausgeberin Michi Strausfeld verspricht für Schiffe aus Feuer, eine Anthologie bestehend aus 36 Kurzgeschichten, nichts Geringeres als einen Querschnitt durch die Post-Post-Boom Generation der lateinamerikanischen Literatur. Was nach Borges, Marquez und Allende kommt. Von DANIEL WÜLLNER

 

Im Zentrum des Booms, des Urknalls der südamerikanischen Literatur, steht ein Begriff wie kein anderer: der magische Realismus. Begründet von Jorge Luis Borges, zur Perfektion gebracht von Gabriel Garcia Marquez, versprach er die Möglichkeit die harsche Realität der Diktaturen von Argentinien bis nach Mexiko in Geschichten zu verpacken und diese lesegerecht nach Europa zu verschiffen. Doch trotz dieser fabulösen Geschichten haben sich die Zustände seitdem nicht verbessert, es herrscht noch immer violencia. Enttäuschung und ein ausgeprägter Zynismus gegenüber der versprochenen Befreiung macht sich in den Köpfen der jungen Südamerikaner breit; Erneut bäumen sich dort junge Autoren auf und beweisen das politisches Engagement viel direkter in die Literatur einfließen muss.

 

Zum Zuschauen verdammt

Geschickt hat die Herausgeberin die Autoren ausgewählt und positioniert. So unterstreicht gleich die erste Geschichte „Peru, Lima, den 28 Julia 1979“ von Daniel Alarcón in blutigem Schwarz die unbändige Wut einer ganzen Generation, die nicht länger Schönmalerei betreiben will, sondern die Revolution auf die Straße bringt: „So wie die Dinge standen, wollte ich in dieser Nacht mehr als alles andere, dass das, was ich tat, sinnvoll sei. Ich hatte genug vom Malen“ Als politisches Statement tötet der junge Protagonist und Revoluzzer einen reudigen Hund, um ihn Schwarz anzumalen. Im Laufe der Geschichte demaskiert sich die Revolution und zeigt zugleich die Verletzlichkeit des Protagonisten. Leider besitzen nicht alle folgenden 35 Geschichten die Intensität dieses literarischen Wutausbruchs.

 

Die Mehrzahl der Kurzgeschichten wird von einem Ich-Erzähler beschrieben. Aus diesen persönlichen Perspektiven werden Städte und Slums, wird der ganze Moloch beobachtet. Auf einmal sind nicht mehr die Plantagen und die Schlachthöfe Austragungsort der Konflikte, sondern die Populärkultur: Computer, schnelle Autos, Kartenspiele, Blackberrys und das tägliche Fernsehprogramm werden zum Spiegel der Abstumpfung. Aus Marquez' utopischem Dorf Macondo ist das FastFood McOndo geworden. Vor diesem Hintergrund spielen sich Szenen der Gewalt ab. Die neuen Helden sind Fotografen und Bildbearbeiter, professionelle Beobachter, die zum Zuschauen verdammt sind, dabei verzweifeln und drohen daran zu Grunde gehen. Den perfekten Maßanzug für diese literarische Strategie bietet die facion, eine Mischung aus faktischem Bericht und fiktionaler Erzählung.

 

Die Feuer der Väter

Obwohl die Fabulierlust der jungen Wilden definitiv spürbar ist, werden auch immer wieder altbekannte Muster benutzt, denn Literatur lässt sich nie ganz neu erfinden: Neben neorealistischen Oberflächenbeschreibungen, wie dem präzise umgesetzten Beziehungsdrama in Marcelo Birmajers “Die falsche Liebkosung“, finden sich auch metafiktionale Experimente („Ohne Titel: Neue Abhandlungen zur literarischen Berufung“): „Ich wende wieder einmal den metafinktionalen Trick an, eine Erzählung mit dem Titel 'Ohne Titel' zu schreiben (oder schreiben zu wollen)“. Zu verlockend ist der magische Realismus als das man ihn einfach abstreifen könne und auch Don Quijote regiert noch immer das literarische Treiben auf dem Subkontinent.

 

Auch wenn die Revolution der Schiffe aus Feuer noch nicht ganz weiß, wohin die Reise gehen soll, so findet sich die genuine Schönheit der Sätze wieder, die sich so nur in Lateinamerika entfalten kann: „Ein Sarg speziell dafür, all die langen Sätze zu verwahren, damit sie nicht entkommen“. Auch wenn ein Sarg diese langen Sätze zu verwahren scheint, so brennt doch die unbändige Fabulierlust mit neuem politischem Engagement.


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