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Peter Härtling: Liebste Fenchel!

04.07.2011

Etüden und Intermezzi

Ihr ganzes Leben lang stand die ältere Schwester Fanny im Schatten ihres Bruders Felix Mendelssohn-Bartholdy, dem hochbegabten Wunderknaben, der sie neckisch Liebste Fenchel nannte. Peter Härtling hat der Familie von Musikern und Kunstliebhabern sein neuestes Werk gewidmet. Von INGEBORG JAISER

 

Sie ist kleinwüchsig und leicht verwachsen, mit schiefer Schulter und einem Anflug von Buckel. Doch die Zeitgenossen sind entzückt von ihren tiefgründigen schwarzen Augen und dem hellwachen Verstand. Ihr Bruder – der berühmte Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy – ist inniglich verbunden mit der aufgeweckten älteren Schwester. Goethe widmet der begabten jungen Dame gar ein eigenes Gedicht: »Wenn ich mir in stiller Seele / singe leise Lieder vor…« Wer ist sie, diese Fanny Mendelssohn?

 

Selbstlose Schwesternliebe

Peter Härtling –  meisterhafter Verfasser einfühlsamer Künstlerromane über Schubert und Schumann, Mozart und Hölderlin – taucht ein in das wechselvolle Leben einer talentierten Komponistin zu Beginn des gar nicht immer romantischen 19. Jahrhunderts. Hineingeboren in eine traditionsreiche, jüdische, später zum Christentum übergetretene, großbürgerliche Familie (der  Großvater Moses ist ein bekannter Philosoph, der Vater Abraham Bankier und Stadtrat in Berlin) wächst die kleine Fanny ganz selbstverständlich in einem weltoffenen, den Künsten aufgeschlossenen Haus auf, mit Sonntagskonzerten und gesellschaftlichen Beziehungen zu Heine, Kleist und den Varnhagens.

 

Musik und Literatur haben einen hohen Stellenwert in diesem Umfeld, schon sehr früh kann Fanny lesen und erhält Klavierunterricht von ihrer Mutter. Doch am liebsten widmet sie sich dem kleinen Bruder Felix, einem quirligen, frühreifen, vier Jahre jüngeren Lockenkopf, der ihr bald in nichts nachsteht. Zusammen musizieren und komponieren sie – manchmal geradezu um die Wette. Doch während Felix´ Talent nach Kräften gefördert und herausgestellt wird (»er denkt schnell, lernt schnell, spricht schnell«), hat sich die Schwester in Zurückhaltung zu üben: eine Frau sei schließlich für die Familie bestimmt, ist das allgemeine Verständnis dieser Zeit.

 

Zuweilen grämt sich Fanny über die Missachtung ihres eigenen Talentes, doch mit nimmermüden Tricks und wachem Geist arbeitet sie zeitlebens an ihrer eigenen Emanzipation. Und Neid gegenüber dem umjubelten, als Wunderkind gehandelten Felix empfindet sie nie, zu selbstlos und uneigennützig ist ihre Liebe zum kleinen Bruder.

 

Licht und Schatten, Gerüche und Düfte

Wie Fanny trotz aller Hindernisse ihren Weg nimmt, wie sie sich selbstsicher auf dem gesellschaftlichen Parkett bewegt und die antisemitischen Bedrohungen und Repressalien meistert, wie sie sich ihren Platz als Musikerin, Komponistin und Sängerin erkämpft, das alles erzählt Härtling in seiner eigenen Art: erstaunlich empathisch und einfühlsam, zugleich hervorragend recherchiert und sorgsam ausgearbeitet. Buchstäblich »verbriefte« biographische Fakten verschmelzen mit Erdachtem, Vermutetem, Möglichem, Erahntem, mit Stimmen und Stimmungen, mit Licht und Schatten, mit Gerüchen und Düften.

 

Ja, so oder so ähnlich muss es sich zugetragen haben, dieses rekonstruierte Stück Leben. Fast fühlt man sich als Leser in der Mitte des Geschehens. Wer noch tiefer eintauchen möchte in Fannys Befindlichkeiten, Wirken und Schaffen, findet im Anhang eine Bibliographie biographischer Publikationen, Tagebücher und Briefwechsel, nebst Auflistung ausgewählter CDs ihrer Werke.

 

Umfassendes Gesellschaftsporträt

Die wechselvollen Zeitläufe verschlugen den 1933 in Chemnitz geborenen Peter Härtling nach Mähren, Niederösterreich und schließlich Nürtingen. Sich selbst immer wieder neu zu erfinden und zu definieren, dürfte ein Lebensmotto von ihm sein. Vielleicht ist ihm auch dadurch die bemerkenswerte Fähigkeit zugefallen, sich in die Umstände eines fremden Daseins komplett einzufühlen.

 

Mit der fiktionalisierten Biographie der Fanny Hensel-Mendelssohn schafft er zugleich ein umfassendes Gesellschaftsporträt des 19. Jahrhunderts und die Geschichte einer assimilierten, jüdischstämmigen, kunstorientierten Großfamilie. Härtlings ruhiger, besonnener Erzählduktus (sein Markenzeichen!) sorgt bis zuletzt für Aufmerksamkeit. Mitfühlender und anziehender kann ein Leben kaum erzählt werden.

 

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