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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 07:56

 

Matthias Zschokke: Maurice mit Huhn

17.04.2006

Wundertüte des Alltäglichen

Alle drei, vier Jahre, immer im Frühjahr, legt der Schweizer Dichter Matthias Zschokke (mittlerweile 51) seine Tarnkappe ab und zeigt sich der lesenden Welt. Diesmal präsentiert er den Roman "Maurice mit Huhn", sein achtes Prosawerk. Alles fing an mit dem übermütigen Schlingel "Max" (Robert-Walser-Preis 1981), der nun nicht mehr von seinem Moritz, pardon, Maurice amputiert ist. Das heilige Paar: endlich komplett. Der Übermut: gedämpft.

 

Der Roman entlehnt seinen Titel einem Gemälde des Schweizer Malers Albert Anker (1831-1910), der in dem Drei-Buchstaben-Dorf Ins lebte, wo Zschokke als Kind aufwuchs. Ein kleines Museum erinnert dort noch heute an den Maler. Auf dem Bild ist sein kleiner Sohn zu sehen, der mit Kulleraugen erwartungsvoll-neugierig in die Welt blickt, in den Patschhänden eine fette Henne. Ein Bildausschnitt schmückt den Band als Cover.
Zschokkes "Maurice mit Huhn" ist als Roman vieles nicht: keine der beim Publikum so beliebten Familiensagas; kein Entwicklungs- oder Bildungsroman; kein psychologischer Reißer; kein Beziehungskrisenopus; kein Wende-Elaborat; kein Generationenreport; keine Vergangenheitsbewältigungsschnul-ze. Was dann? Allenfalls versucht Maurice die Gegenwart zu bewältigen, und das nicht ohne Ächzen.


Kommunikationskontor als Motor
Maurice betreibt ein "Kommunikationskontor" in einer schäbigen Gegend Berlins, in Wedding, wie durch den oft genannten Nettelbeckplatz kenntlich wird. Kleinen Leuten hilft er bei amtlichen Korrespondenzen. Reich ist er damit nicht geworden, im Gegensatz zu seinem persischen Internatsfreund Hamid, dem er in Briefen aus seinem Leben berichtet, was Zschokke als auktorialem Erzähler Verschnaufpausen bietet und den Roman kurzweiliger, bunter macht.
Nein, kein "klassischer" Roman, mit Klimax, Peripetien usw. Es rauscht kein mächtiger Erzählstrom. Durch eine Reihung von Miniaturen wird die traditionelle Romanfabel gründlich ruiniert. Diese Dekonstruktion zeichnet Zschokkes Roman als ein Werk der (Post-) Moderne aus.
Ein pointillistisches Pastell des Lebens, gemalt mit Wörtern. „Wie schön sich Bild an Bildchen reiht“ (Trakl): das vom Schauspieler Flavian Karr, der sich beim Film als Nazi-Kleindarsteller verschlissen hat und nun in Stadtmagazinen "Einzelcoaching" und Kurse zur "Befreiung der eigenen Stimme" anbietet; das von „Carola’s Schreib-Shop“ (mit Apostroph), der Pleite geht; das vom Niedergang der Druckerei des Ehepaars Doberan; das von einem grotesken Arztbesuch, bei dem Maurice sich eine Alterswarze entfernen lassen will; das vom piefeligen Café Solitaire, in dem Maurice Zeitungen liest, das dichtmachen muss. Und außerberlinisch ein "Städtetrip" nach Turin und ein satirischer Kongressbericht… Zschokkes Wundertüte des Alltäglichen ist bodenlos.

Tauchfahrt ins Mikrokosmische
Und Maurice taucht ein ins Mikrokosmische: "Spatzen fliegen heran und wälzen sich in der trockenen Erde unter einem der Sträucher, einem abgestorbenen. So ein Staubbad von Spatzen kennt er noch nicht. Neugierig schaut er zu und freut sich, etwas Neues geboten zu kriegen. Wie Pferde, Katzen oder Schweine, wälzen sich die Spatzen in der Topferde."
Aus der Beobachtung, die Maurice gemacht hat, entwickelt Zschokke seine Poetologie: "Das Lustige an den Spatzen ist nicht, was sie getan haben. Das Lustige an ihnen ist, dass Maurice die Zeit hatte, sie wahrzunehmen. In jedem Augenblick tun Spatzen, Menschen, Elefanten und Meere, was sie tun. In jeder Sekunde geschieht alles, doch wir sehen es nicht und empfinden Stillstand. Wir glauben, interessant sei das Außergewöhnliche, die Rhythmusstörung, der Aussetzer. Das Grandiose ist aber der Rhythmus, der Fluss, die Allgegenwart. Wenn wir jederzeit offen genug wären, zu sehen, was uns umgibt, dann hätten wir ein Leben voller Überraschungen, den Traum eines Lebens, einen Roman, ein ewiges Abenteuer. Man stelle sich bloß vor, wir würden, wo immer wir gehen und stehen, Spatzen sehen, Hunde, Winde, die sich merkwürdig verhalten, Mücken, Menschen – immer wieder natürlich und vor allem Menschen, von denen wir am allermeisten glauben, längst zu wissen, wie sie sind, die wir für unseresgleichen halten und demnach nicht für weiter beachtenswert; doch wie sie sich verhalten, ist immer neu ganz und gar unbegreiflich."
So geht es auch durchaus hart zur Sache. Leben und Sterben in Berlin: "Eine Greisin an einem Fenster erweckt den Anschein, in diesem Buch die Rolle von Maurice’ Mutter übernehmen zu wollen." Zschokke zeichnet ein gnadenloses Mutterporträt: Von Millionen Müttern. Wofür Peter Handke ein ganzes Buch ("Wunschloses Unglück") brauchte, reichen ihm wenige Seiten, die erzählerisch zweifellos der grandiose Höhepunkt sind. Und auch Hamid, der Freund, stirbt, krebszerfressen, da hilft ihm alles Geld nicht mehr.

Ureigener Sprachsound
Zschokke hat einen ureigenen Sprachsound. Er schreibt Sätze, deren ausgebuffte Unschuld umwerfend ist: "Irgendwann hat Maurice damit begonnen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Je länger er sich darin übte, desto schwerer tat er sich damit. Zu allem fiel ihm das eine oder andere ein, gleichzeitig aber auch immer dessen Gegenteil, weswegen er, weil er sich immerzu selbst ins Wort fiel, schließlich die Lust verlor, überhaupt noch etwas zu sagen. Andere, die mit ihm älter geworden waren, redeten im Unterschied zu ihm mehr und mehr."
Maurice lauscht immer wieder einem Cellospiel in der Nachbarschaft. Das zieht sich leitmotivisch durchs ganze Buch. Gern wüsste er, wer da spielt, an künstlerisch eigentlich unpassendem Ort, ist es ein Mann oder eine Frau: "Besuch beim Cellisten: Ein etwa fünfzig Jahre alter Mann öffnet die Tür. Er hat weiche, volle Lippen. Die Mundwinkel hängen leicht nach unten. Lefzen, denkt Maurice. … Besuch bei der Cellistin: Eine etwa fünfundzwanzigjährige Frau öffnet die Tür. Ihr Körper ist der eines Mädchens…" Unvermeidlich ein geiles Sexabenteuer, zur höhnischen Befriedigung der Lesererwartung. Natürlich hat Maurice die Besuche phantasiert. Kopfkino und kein Geheimnisverrat, der nur in profaner Banalität enden könnte. Das Cello bleibt Sehnsuchtsmetapher.
Am genüsslichsten wohl liest man Zschokkes wunderbaren Roman "Maurice mit Huhn", wenn man zur Lektüre Bachs Cellosuiten auflegt, vielleicht gespielt von Pablo Casals.

Niels Höpfner


Matthias Zschokke: "Maurice mit Huhn". Roman. Zürich: Ammann Verlag 2006, 240 Seiten, 18,90 Euro. ISBN 3-250-60090-3

Weblinks:
Zschokke bei Wikipedia
Zschokkes Homepage
Niels Höpfners Homepage

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