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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 07:52

Katharina Greve: Ein Mann geht an die Decke

09.09.2010

Ligne minimaliste

Fernsehturm, Fahrstuhl, Schwerkraft, Schinkenbrötchen, Kreuzworträtsel, Beziehung und Emanzipation von allem: Katharina Greve führt den Protagonisten in Ein Mann geht an die Decke an einen Wendepunkt seines Lebens. Aufgezeichnet hat sie das ohne viel Tinte zu verschwenden: reiner und überzeugender Minimalismus. Von NILS KURFÜRST

 

Berlin gehört sicherlich zu den bedeutendsten und auch eindrucksvollsten Großstädten der Welt. Während jedoch in den meisten dieser Städte die Skyline von mächtigen Wolkenkratzern dominiert wird, bietet das Berliner Panorama vor allem eines: den Fernsehturm. Dieses einzigartige Bauwerk ist in Ein Mann geht an die Decke Schauplatz einer phantastisch-absurden Geschichte.

 

Der Protagonist Franz Fink ist Fahrstuhlführer im Fernsehturm. Als er eines Tages nach der Arbeit auf die Fahrt nach unten verzichtet und statt dessen 986 Stufen zum Alexanderplatz hinabsteigt, macht er eine überraschende Entdeckung: Im Turm leben Menschen, die sich unter der Anleitung des zerstreuten Prof. Hagedorn von der Schwerkraft und anderen Unannehmlichkeiten emanzipieren. Die Entdeckung verändert Franz Finks Wahrnehmung und verschafft ihm neue Einblicke in sein Leben: in seine beengenden Beziehungsverhältnisse und seine Gewohnheiten im Umgang mit Schinkenbrötchen und Kreuzworträtseln.

 

Wider die Gewohnheit

Katharina Greve, die Autorin von Ein Mann geht an die Decke, ist gelernte Architektin. Das merkt man dem Comic auch an, nicht nur weil der Fernsehturm derart im Zentrum des Geschehens steht. Oftmals bestimmt die Betonung der Geometrie der Räume und ihre Darstellung das graphische Erscheinungsbild der Erzählung. Da dürfen zum Beispiel aufgestapelte Kisten im Bildhintergrund die perspektivische Tiefe verlieren und zu reinen Linien werden.

 

Aber Greve geht noch weiter. Ganz wie Franz Fink beginnt man über seine (Lese-)Gewohnheiten nachzudenken, wenn der Protagonist mit dem 90-Grad-Leben konfrontiert wird und für den Leser von da an die gekippte Bilderebene nicht mehr mit der textlichen Ebene übereinstimmt. Man dreht das Buch hin und her und weiß tatsächlich nicht, wie man es nun halten soll. (Spoiler: 45 Grad sind auch keine Lösung.)

 

Die minimalistische Gestaltung von Ein Mann geht an die Decke findet ihre inhaltliche Entsprechung in der Würdigung von scheinbar unbedeutenden Details des Lebens, von Alltagserfahrungen. Als Franz Fink auf den ersten Seiten von seiner Arbeit nach Hause fährt, in eine von seiner Frau mit Kisten völlig zugestellte Plattenbauwohnung, sind ein paar Panels der U-Bahn Fahrt gewidmet.

 

Auf engstem Raum stehen hier gesichtslose Männer mit Hüten, dicke Frauen mit Einkaufstüten und Hund, sowie Punks und Walkman hörende Mädchen aneinandergedrängt. Das obligatorische Noch-Näher-zusammengedrückt-Werden beim Bremsvorgang der U-Bahn wird von einem Fahrgast mit den Worten: „Alter, mach dich dünn!“ kommentiert. Solcherlei Szenen spielen sich wohl in hundert U-Bahnen der Welt täglich hundert Mal ab, und doch schafft es Greve hier ganz viel Berliner Gefühl zu vermitteln. Wie sehr Franz Fink ein Teil Berlins, und wie sehr Berlin ein Teil von ihm ist, das versinnbildlicht Greve mitten in Franzens Gesicht.

 

Die Rache des Papstes

Bei gutem Wetter bietet der Berliner Fernsehturm einen besonderen visuellen Effekt. Das Sonnenlicht reflektiert von der Oberfläche der Kugel und es erscheint deutlich sichtbar ein Kreuz, weshalb dieses Phänomen, in Anspielung an das atheistische Weltbild der sozialistischen DDR, "die Rache des Papstes" genannt wird. Dieses Kreuz ziert auch die Stirn von Franz Fink, und so herrscht zwischen ihm, der Stadt und dem Turm als Wahrzeichen von Anfang an eine eigenwillige Homogenität. Ob Franz diese Harmonie auch in seinem Privatleben wiederherstellen kann, das sollten Sie selber herausfinden - und auch, was das alles mit Schinkenbrötchen und Kreuzworträtseln zu tun hat.


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