Sambal Oelek: Stockalper
18.03.2010
Sturm im Wasserglas
Einem Landespolitiker, dessen Macht auf seinem internationalen Handels- und Finanzimperium beruht, werden Zügel angelegt, von denen er sich aber durch entschlossenes Handeln wieder befreit. Was in die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise passen würde, hat sich tatsächlich im 17. Jahrhundert zugetragen. Sambal Oelek hat sich einer historischen Schweizer Persönlichkeit angenommen und eine Biografie daraus gemacht, die ANDREAS ALT jedoch nicht ganz überzeugt.
Kaspar Jodok von Stockalper, dessen 400. Geburtstag 2009 begangen wurde, war ein typisch barocker Unternehmer und Machtmensch. Er trieb Handel mit Italien, verfügte über ein Salz-, Terpentin-, Lärchenharz- und weitere Monopole und beutete mit eigenen Bergwerken Blei- und Kupfervorkommen aus. Stockalper finanzierte Könige und Fürsten und mischte zudem mit eigenen Söldnerheeren in der europäischen Politik während und nach dem Dreißigjährigen Krieg mit. Dass sein Name heute nur Fachleuten bekannt ist, liegt wohl an seiner Schweizer Herkunft. Er stammte aus Brig am Simplonpass im Kanton Wallis, wo er 1691 auch starb.
Seine farbige Lebensgeschichte bietet sich durchaus an, künstlerisch verarbeitet und auch in Deutschland weiter verbreitet zu werden. Der Schweizer Architekt, Schriftsteller und Comiczeichner Andreas Müller hat sich daran unter dem Pseudonym Sambal Oelek versucht und sich dabei auf eine entscheidende Episode konzentriert: 1678 wurde Stockalper verhaftet, als Landeshauptmann abgesetzt und ihm ein Teil seines Vermögens abgepresst. Durch Flucht über die Alpen entzog er sich darauf seinen Verfolgern, denen es nicht gelang, seine wirtschaftliche Macht im Wallis zu brechen. Fünf Jahre später nahm Stockalper seine Position in Brig wieder ein. Der Comicband, der diese Begebenheiten nacherzählt, ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert.
Altertümliche Sprache
Sambal Oelek legt ausdrücklich Wert auf historische Genauigkeit. Das wird spätestens bei dem ausführlichen Anhang deutlich, in dem er seine textlichen und bildlichen Quellen aufdeckt, seinen Umgang mit weißen Flecken in Stockalpers Biografie erläutert und sogar kleine Anspielungen offenlegt, etwa den Gastauftritt des Historikers Gabriel Imboden, der Stockalpers Handels- und Rechnungsbücher herausgegeben hat. (Imboden steuert auch ein Vorwort bei.) Historischen Quellen scheinen viele der Dialoge entnommen zu sein, was allerdings eine nicht immer leicht verständliche, altertümliche Sprache und unvermeidliche Kürzungen bedeutet, die das Verfolgen der Handlung auch nicht unbedingt erleichtern.
Der Künstler hat überhaupt auf eine Dramatisierung der Handlung weitgehend verzichtet. Da man beim Lesen in eine stimmige, plastisch herausgearbeitete Barockwelt eintaucht, fällt das nicht sofort auf. Aber letztlich erschöpft sich das Geschehen weitgehend in Verhandlungen, in Taktieren, im Vorzeigen von Stockalpers Reichtum und seiner recht modern erscheinenden technokratischen Welt. Am Ende wirkt der Konflikt mit seinen Widersachern in der Landesversammlung wie ein Sturm im Wasserglas. Eine militärische Auseinandersetzung, die damals wohl in der Luft lag, deutet sich im Comic nicht einmal an.
Keine Mantel-und-Degen-Action
Auf Mantel-und-Degen-Action verzichtet Oelek wohl auch deshalb, weil er grafisch auf ganz andere Schauwerte setzt. Jede Doppelseite bildet nämlich durch ein kunstvoll eingefügtes Vexierbild eine optische Einheit. Elemente einzelner Panels – etwa Frisuren oder Kleidungsstücke der Figuren – lassen sich in der Gesamtschau zu Vögeln, Schlangen, Hunden oder Insekten zusammenfügen. Tiere, die auch jeweils in Bezug zu Stockalpers Leben stehen. Müller will damit nach eigener Aussage das Wechselspiel von Rationalität und Aberglaube in der Barockzeit versinnbildlichen, und solche Konstruktionen passen auch hervorragend in die Zeit des Manierismus.
Wie für die Dialoge gilt aber auch für diese Bildeinfälle: Sie machen die Handlung nicht gerade flüssiger. Historische Akribie und bildliche Manierismen werden vielmehr zu hohen Hürden für die allgemeine Verständlichkeit des Stoffs. Insgesamt ist der Comic so angelegt, dass es für Kenner der Materie einiges (wieder) zu entdecken gibt. Aber der unbedarfte Leser, der vorrangig eine spannende Story erwartet, wird eher enttäuscht. Sambal Oelek hat sich inhaltlich wie grafisch hohe Ziele gesteckt. Er hat sie nicht einmal verfehlt, aber darüber das große Ganze doch aus den Augen verloren.
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