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Donnerstag, 02. September 2010 | 19:36

Die Banalisierung der Literaturrezeption

31.07.2008

Fakten und Fiktion

„Wie heißen Sie denn eigentlich?“
„Glanz“ sage ich. Ich melde mich auch am Telefon gern mit „Glanz“, denn da kann ich später immer noch behaupten, ich sei falsch verstanden worden, ich hätte ja Glavinic gesagt.

(Thomas Glavinic, „Das bin doch ich“)

Von Eckart Löhr

 

In den letzten Jahren lässt sich deutlich eine zunehmende Profanierung und damit einhergehende Banalisierung der Literaturrezeption beobachten. Aktuelles Beispiel ist das Verbot des Romans Esra von Maxim Biller auf Grund einer Klage seiner ehemaligen Lebensgefährtin, die sich in dem Roman wieder zu erkennen glaubt.
Der Roman „Das bin doch ich“ von Thomas Glavinic wurde von einigen Kritikern zum Anlass genommen, dem Autor ein Problem mit Alkohol zu attestieren, da der Protagonist des Romans offensichtlich ein solches hat.
Diese, nennen wir sie Vulgärrezeption zeigt eine fundamentale Missachtung von Kunst im Allgemeinen und hier Literatur oder besser gesagt Dichtung im Speziellen, da sie mit aller Macht diese auf Alltagsniveau herunter zu brechen und dadurch zu trivialisieren versucht.

Eine Rezeption aber, die dem Kunstwerk nicht zu allererst ästhetisch begegnet, bleibt dem gegenüber blind, was den Kunstcharakter des Werkes erst konstituiert. Gerade im Fall von Glavinics Buch ist das Spiel des Autors mit Wirklichkeitsebenen und Identitäten offensichtlich. Darauf deutet ja bereits der ironisierende Titel hin, denn natürlich ist es gerade nicht Thomas Glavinic, der hier spricht. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Protagonist den gleichen Namen wie der Autor des Buches trägt, denn schon das Wissen darum einen Roman, also ein fiktionales Werk, vor sich zu haben reicht bereits aus, die im Roman agierenden Figuren als hinreichend verfremdet wahrzunehmen und lässt uns quasi automatisch eine Rezeptionshaltung einnehmen, die im englischsprachigen Raum „suspension of disbelief“ genannt wird, d.h. ein „[…] zeitweiliges Zurückstellen oder Außerkraftsetzen unseres Zweifels an der Realität (bzw. unseres Wissens um die Nicht-Realität) des Erzählten.“

Deshalb hier noch einmal in aller Deutlichkeit: Dichtung, speziell die Dichtung des 20. und natürlich 21. Jahrhunderts hat erst einmal nichts mit Wirklichkeit zu tun! Natürlich gibt es, das macht die Schwierigkeit aus mit Worten Kunst zu schaffen, Bezüge zur Realität, da Wörter im Gegensatz zu Tönen oder Farben auf Referenten verweisen. Diese sind aber nicht unmittelbar zu verstehen sondern in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen.

Wenn Jean Paul Sartre dazu schreibt „ [d]er Schriftsteller dagegen hat es mit Bedeutungen zu tun. Allerdings muß man unterscheiden: das Reich der Zeichen ist die Prosa; die Poesie steht auf der Seite der Malerei, der Skulptur, der Musik […]“ , hat er natürlich mit seiner Behauptung recht, dass Sprache etwas be-deutet, aber schon die Differenzierung in Prosa und Lyrik schafft ein Problem, da natürlich auch narrative Texte in höchstem Maß künstlerisch (d.h. künstlich) und selbstreferenziell sein können - nehmen wir nur mal Thomas Bernhards hochartifizielle Prosa exemplarisch für andere Texte dieser Art. (Sein Roman „Holzfällen“ wurde übrigens seinerzeit aus den gleichen Gründen verboten, wie heute Maxim Billers „Esra“).

Dichtung – egal ob Lyrik oder Prosa – konstruiert also in jedem Fall eine, modern gesprochen, „second world“ und verweist deshalb nicht unmittelbar auf außersprachliche Qualitäten.

"Auf Unnatur kommt es an"

Alfred Döblin hat bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts klar gemacht - und damit bereits wesentliche Positionen des Poststrukturalismus vorweg genommen -, dass „[…] es keine literarische Realität gibt. `Literarisch´ und `Realität´ sind Widersprüche in sich. Die Literatur tut etwas zur Realität, die unser tägliches Wortmaterial gibt, hinzu, die Daten der Realität werden benutzt, um zu zeigen, dass man zusetzt und wo man zusetzt und was man zusetzt […] Jedenfalls beginnt jede Produktion dichterischer Art mit dem Willen zur Entfernung von der Realität.“

Das Problem der Schriftsteller war und ist, dass sie mit dem gleichen Ausgangsmaterial arbeiten müssen, welches wir alle im täglichen Umgang verwenden und damit hat, so Döblin weiter, „die Wortkunst […] es überaus viel schwerer als etwa die Malerei und Musik, um zur Kunst zu kommen. Das Ausgangsmaterial der Musik und der Malerei ist selbst schon hinreichend wirklichkeitsfremd. Auf Wirklichkeitsfremdheit, kraß: auf Unnatur kommt es ja an; […] Wir sind also hier in einer besonders schwierigen Situation.“

Am Beispiel der „realistischen Literatur des 19. Jahrhunderts lässt sich gut illustrieren, vor welchen Schwierigkeiten Autoren wie Stifter, Storm, Keller und andere standen, als sie sich vorgenommen hatten unter Verwendung realistischer Stoffe Kunst zu produzieren. Um trotz dieses realistischen Ausgangsmaterials zu einem Kunstwerk zu gelangen, bedurfte es der Verfremdung und somit Ästhetisierung des Vorgegebenen. Die Kniffe, derer sich die Autoren seiner Zeit bedienten, waren vielfältig. Die Einführung einer Rahmenhandlung, um die nötige Distanz zum Erzählten zu schaffen, ein komplexer „Discours“, der oftmals in krassem Gegensatz zur einfach gestrickten „Histoire“ stand, die Verwendung einer ausgetüftelten Symbolik und vieles andere mehr. Es ging literarhistorisch demnach schon sehr früh weniger um das „Was“, sondern vielmehr um das „Wie“ des Erzählens. In der modernen Lyrik spielt das „Was“ ohnehin schon immer eine nur untergeordnete Rolle.

1896 schrieb Hugo von Hofmannsthal in dem Aufsatz „Poesie und Leben“, „[…] dass der Begriff des Ganzen in der Kunst überhaupt verloren gegangen ist. Man hat Natur und Nachbildung zu einem unheimlichen Zwitterding zusammengesetzt, wie in den Panoramen und Cabinetten mit Wachsfiguren. Man hat den Begriff der Dichtung erniedrigt zu dem eines verzierten Bekenntnisses. […] Ich weiß nicht, ob Ihnen unter all´ dem ermüdenden Geschwätz von Individualität, Stil, Gesinnung, Stimmung und so fort, nicht das Bewusstsein dafür abhanden gekommen ist, dass das Material der Poesie die Worte sind, […]. Es führt von der Poesie kein direkter Weg ins Leben, aus dem Leben keiner in die Poesie. […] Man lasse uns Künstler in Worten sein […]“

So falsch es demnach ist, Realität unmittelbar aus dem literarischen Werk ableiten zu wollen, so falsch ist es, vice versa, Literatur durch biographische Daten, Aussagen oder Taten des Autors deuten zu wollen. Auch diese Art der Literaturbetrachtung verhindert die adäquate Beschäftigung mit Autoren, die sich beispielsweise durch ihre politische Meinung, selbst wenn sie nur außerhalb ihrer Werke geäußert wurde, vermeintlich diskreditiert haben. Man denke stellvertretend für viele andere nur an Knut Hamsun, der, weil Sympathisant des Naziregimes, aus diesem Grund kaum mehr rezipiert wird. So müsste man natürlich auch die Lektüre Goethes einstellen, da dieser nachweislich am so genannten „Soldatenhandel“ beteiligt war und seine Unterschrift unter so manches Todesurteil setzte. Aber das nur am Rande.

"Man lasse uns Künstlern in Worten sein"

Es muss also, das war die Eingangsthese, darum gehen jeder Form von Kunst und hier der Literatur erst ästhetisch zu begegnen und erst dann danach zu fragen, welche Intentionen der Autor beim Schreiben hatte, oder welche Ziele er mit seinem Schreiben verfolgt. Dabei darf das geschriebene Wort aber nie eins zu eins auf die Wirklichkeit übertragen werden, da Dichtung genuin fiktional und es gerade das Wesen der Dichtung ist Wörter als „objets trouvés“, um einen Begriff Marcel Duchamps zu zitieren, aus ihren alltäglichen Sinnzusammenhängen zu befreien, sie in neue Kontexte zu stellen und dadurch neu zu konnotieren, d.h. mit Bedeutung aufzuladen.

Hier soll nicht einer Entpolitisierung der Literatur das Wort geredet, sondern lediglich die Sinne geschärft werden dafür, dass Kunst mehr ist und vor allem mehr sein will als die bloße Widerspiegelung der Realität. Der aristotelische Mimesisgedanke ist spätestens im vergangenen Jahrhundert obsolet und die, schon am Ende des 18. Jahrhunderts postulierte, Autonomie der Kunst heute absolut geworden. Das hängt nicht zuletzt mit der Erfindung der Photographie und des Films zusammen, denen es naturgemäß besser als der Literatur gelingt Wirklichkeit abzubilden. Dadurch aber ist die Literatur - und mit ihr die Malerei - frei geworden zur Schaffung einer eigenen Welt, die zum Teil zwar lediglich auf sich selbst verweist, als ein bloßes Spiel mit Worten, aber dennoch in ihrer Summe mehr über die Wirklichkeit aussagt als die, eingangs erwähnte, vulgäre Form der Alltagsrezeption zu träumen wagt.

Eckart Löhr


Literatur:


1) Vogt, Jochen: Aspekte erzählender Prosa. Fink 2006

2) Sartre, J. P.: Was ist Literatur? Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2006

3) Döblin, Alfred: Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur. Hrsg. von Erich Kleinschmidt. Olten und Freiburg im Breisgau: Walter 1989

4) Ebd.

5) Poesie und Leben. In: Hugo von Hofmannsthal: Der Brief des Lord Chandos, Schriften zur Literatur, Kunst und Geschichte. Stuttgart: Reclam 2000

Der Mythos lebt von Erinnerung

Zum Tod von Louise Bourgeois, der Grande Dame der zeitgenössischen Kunst. Von ANNA-LENA KRÄMER