Beziehungssache
Aber Lew Soloff ist kein Egomane (was im Jazz sowieso tödlich ist). Zur Zeit reist er mit einem Quartett, das nichts zu wünschen offen lässt. Am Klavier sitzt der in New York lebende Franzose Jean-Michel Pilc, am Kontrabass steht sein Landsmann François Moutin, der keinen Moment den Verdacht aufkommen lässt, der Bass sei nur ein Rhythmusinstrument, und am Schlagzeug brilliert der junge Amerikaner Ross Pederson. Soloff hört konzentriert zu, wenn seine Partner improvisieren, und begeistert sich erkennbar, aber ohne Koketterie, über einzelne Passagen.
Acht Stücke und eine Zugabe spielt das Quartett in mehr als zwei Stunden (die Pause nicht mitgerechnet). Es sind Fremd- und Eigenkompositionen, darunter One for Emily für Soloffs geschiedene Frau, ein einfaches, liedhaftes Thema mit gestopfter Trompete, das zwischendurch, als sich der Musiker gar nicht mit seiner Frau verstand, auch Ohne Titel hieß. Im Duo mit Moutin improvisiert Soloff über seine Lieblingsmelodie, Bachs oft verwurstetes Air aus der 3. Orchestersuite. Schmissig wird es bei einem Gil-Evans-Arrangement eines selten gespielten Titels aus Gershwins Porgy and Bess. Von Gil Evans stammt auch das Arrangement von Jimi Hendrix‘ Little Wing, und man könnte meinen, das Stück sei für diese Formation geschaffen worden. Die Lust am Zitieren teilt auch die Gruppe um Lew Soloff. So werden unter anderem Take the „A“ Train oder Aint‘t She Sweet angedeutet, wo sie nicht hingehören.
Wer Lew Soloffs wegen in die Webergasse gepilgert war, kam voll auf seine Rechnung. Aber er konnte zugleich drei Musiker entdecken, die nicht nur, jeder für sich, atemberaubende Soli lieferten, technisch wie musikalisch mehr als nur außergewöhnlich, sondern auch auf einander eingingen und mit unübersehbarer Freude jazzten. Viel Geld wird es ihnen nicht eingebracht haben. Aber den heftigen Applaus eines Publikums, das für Tokio Hotel wahrscheinlich zu alt ist. Ob die Jüngeren wissen, was sie versäumen? Wir lassen den Gesang der Altersmeise erzwitschern, meint Wiglaf Droste. Sei‘s drum. Wir zwitschern weiter. Nur eins: „Swing tanzen verboten“ - keineswegs. Diesen Nazi-Schuh lassen wir uns auch vom witzigen Wiglaf nicht anziehen. Droste, Jahrgang 1961, mag mit der Jugendmeise zwitschern. Wir freuen uns derweilen beim Jazz. Von Lew Soloff zum Beispiel. Der wurde 1944 geboren und sieht noch dazu aus wie ein verschmälerter Adorno.
