Nein, auch wenn es naheliegend wäre, hat diese Besprechung keine Einleitung, die sich auf die „Finanzkrise“ bezieht. Geht es um Martin Suter, habe ich das Urteilsvermögen eines durchgedrehten Harry Potter-Fans, der um 23:45h mit spitzem schwarzem Hut bei Thalia ansteht. Martin Suter ist meine J.K. Rowling. Ich finde alles gut, was ER schreibt, sei es Krimi oder Geschichtensammlung, und in meinem Regal haben die Suters einen Extra-Platz, abgespalten von den anderen Diogenes-Abkömmlingen.
In Suters neuesten Geschichten aus der Business-Class, dieses Mal Das Bonus-Geheimnis genannt, geht es wie stets um die Krisen der Menschen, deren Jobs man nicht genau benennen kann, weil sie immer was mit Account, Associate, Key und Manager zu tun haben. Und wie es auch eine Beobachtung von Börsenentwicklungen nahelegt, sind die Kernkompetenzen nicht mehr bei fassbaren Merkmalen sondern im sozial angepassten Verhalten angesiedelt. Dafür hat Suter ein feines Gespür und macht sich in bösartigster Weise über Tai Chi, Bewerbungsoptimierung, Wellness-Wochenenden und High Potentials lustig. Das macht Spaß und offenbart zudem eine Fiesheit des Schweizers, die in seinen Romanen nur angedeutet ist.
Die kleine Frau von der Straße freut sich dann auch, dass ihre Probleme sich auf einen überzogenen Dispo und keinen Parkplatz vor der Tür (was mangels eines Autos auch kein wirkliches ist) beschränken. Von daher bedienen die Geschichten aus der Business Class natürlich auch ein aus dem Neid kommendes Bedürfnis, die „da oben“ einmal bei Nervenzusammenbrüchen, beim Zähneputzen und beim Frauenangaffen zu beobachten. Weil Herr Suter jedoch nie ins Polemische oder offensichtlich Voyeuristische abgleitet, kann ich mich dabei immer noch als intellektuelle Sozialwissenschaftlerin fühlen und dem Autor nicht nur eine gewissen Sozialkritik sondern auch noch eine Reflexion der Geschlechterverhältnisse zuschreiben.
Keine Hundehaufen nirgends …
Damit erschöpft es sich jedoch an Lobeshymnen. Die Geschichten haben, weil sie im Magazin des „Tages-Anzeigers“ und im „NZZ-Folio“ erschienen sind, immer die gleiche Länge, was zwar Herausforderung ist, aber andererseits die Struktur vorgibt. Das führt dazu, dass nach der zehnten Geschichte recht klar ist, wo die Pointe kommt und sich das Buch eher zur U-Bahnlektüre eignet. Um ehrlich zu sein, habe ich mich ein bisschen gelangweilt. Die Kleinigkeit, die mich an Suter schon immer gestört hat, dass er sich auch in seinen Romanen im Ergebnis nie dem echten Elend zuwendet, wird natürlich bei Geschichten aus der Business Class noch offensichtlicher. Natürlich kann man J.K. Rowling nicht vorwerfen, dass ihr Held zaubern kann und die Geschichten damit unrealistisch sind. Ebenso kann ich Suter nicht vorwerfen, dass seine Protagonisten kaum in Neukölln über Hundehaufen hüpfen. Es hat für mich in dieser Geschichten-Sammlung trotzdem an Reiz verloren, mir jede Facette der Business-Class anzusehen.
Ich freue mich trotzdem schon auf den nächsten Roman.