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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 07:14

Troubled Water

18.03.2010

Schuld und Sühne

Ohne zu moralisieren lotet Troubled Water die widersprüchlichen Perspektiven von Tätern und Opfern aus. In der quälenden moralischen Verunsicherung liegt die große Stärke dieses tiefgründigen Psychodramas. Von STEFAN VOLK

 

Im Taufbecken, im Schwimmbecken, unter der Dusche - Wasser ist auch über den internationalen Verleihtitel hinaus im dritten Spielfilm des norwegischen Regisseurs Erik Poppe allgegenwärtig: reinigend, beseelend, bedrohlich. An diesem sinnbildlichen Ort begegnen sich in Troubled Water Leben und Tod.

 

Als Jugendlicher entführte Jan Thomas zusammen mit einem Gleichaltrigen einen kleinen Jungen in einem Kinderwagen. Wenig später wird der Kleine tot aus einem Bach gefischt. Jan landet im Jugendarrest. Acht Jahre danach erst beginnt der eigentliche Film. Jan, der in der Gefängniskapelle gelernt hat, Orgel zu spielen, kommt als Organist in einer kleinen Kirche unter. Der schweigsame junge Mann, der sich mittlerweile nur noch Thomas nennt, spielt sich mit seinem aufwühlenden Orgelspiel ins Herz der jungen Gemeindepfarrerin Anna. Doch so einfach wird Thomas seine Vergangenheit nicht los. Annas Sohn sieht dem Jungen, den Jan Thomas damals entführte, zum Verwechseln ähnlich. Und dann taucht auch noch Agnes, die Mutter des Toten, in Thomas’ Kirche auf.

 

Nachhaltige Irritation

Bis zu seinem sehr dick aufgetragenen Showdown schwächelt der Film immer dann, wenn er seine Symbolik überstrapaziert, indem er etwa Agnes ins Schwimmbad schickt und bedeutungsschwanger unter Wasser tauchen lässt. An solchen Stellen treibt der ansonsten still poetische Film kitschige Blüten. Sie bleiben aber seltene Ausnahmen. Am stärksten ist der Film dagegen, wenn er das ‚Unsichtbare’ (De Usynlige lautet der Originaltitel) auch so belässt und zwischen den Frames allenfalls erahnbar macht. Es ist dann vor allem das wunderbar melancholische Spiel von Pål Sverre Valheim Hagen in der Hauptrolle, das dem Film den nötigen Tiefgang verleiht. In seinem Gesicht ertastet die auf sanfte Weise intime Kamera das Spannungsfeld von Schuld und Sühne, Erinnern und Vergessen.

 

Ohne zu moralisieren oder einseitig Partei zu ergreifen, lotet der Film die widersprüchlichen Perspektiven von Tätern und Opfern aus und wirft dabei grundsätzliche Fragen auf nach dem Umgang mit Schuld und Verbrechen, nach Gut und Böse. Trine Dyrholm, die zuletzt in Little Soldier zum Overacting tendierte, trifft als verzweifelte und in der Konfrontation mit Thomas zunächst hilflos überforderte Mutter meist den richtigen Ton. Zwischen Agnes, die nur endlich wissen will, was mit ihrem kleinen Söhnchen damals wirklich geschah, und Thomas, der nur endlich die Vergangenheit hinter sich lassen und ein kleines Glück finden möchte, muss man sich als Zuschauer lange hin und her gerissen fühlen, weil Poppe für Agnes und Thomas gleichermaßen Verständnis zeigt. In dieser quälenden moralischen Verunsicherung liegt die größte Stärke dieses tiefgründigen und einfühlsamen Psychodramas. Die Irritation, die davon ausgeht, ist so nachhaltig, dass sie auch das allzu plakative Ende noch lange überdauert.

 

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