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Paul Celan würde heute 90

23.11.2010

An den Toren der Vergeblichkeit

Am 23. November 2010 würde Paul Celan 90 Jahre alt. Paul Celan (eigentlich: Paul Antschel oder Ancel, von daher als Anagramm "Celan“) gehört zu den bedeutendsten Lyrikern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von JOSEF BORDAT

 

Eines von Paul Celans Gedichten kennen wohl alle noch aus dem Deutsch-Unterricht: Die Todesfuge. „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends / wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts / wir trinken und trinken / wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng / Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt / der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete / er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei / er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde / er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz.“ So lautet die erste Strophe des bewegenden Gedichts, in dem der Tod ein „Meister aus Deutschland“ ist. Celans Todesfuge wird noch Generationen beschäftigen.

 

Celan hatte als deutschsprachiger Rumäne jüdischen Glaubens kein leichtes Leben. Als junger Mann erlebt er, wie seine Heimatstadt Czernowitz zunächst von den Sowjets (1940), dann von den Deutschen (1941) und schließlich wieder von den Sowjets (1943) besetzt wird. Seine Eltern wurden in Arbeitslager verschleppt und starben dort; Celan selbst überlebte die dreijährige Zwangsarbeit unter faschistischer und kommunistischer Diktatur. Er verlässt nach dem Krieg Rumänien und flieht 1947 nach Wien, um sich im Jahr darauf endgültig in Paris niederzulassen.

 

Celan schreibt auch in Frankreich nach wie vor auf Deutsch. Sein Werk ist, wie das vieler Dichter und Denker der Nachkriegszeit, geprägt von der Verarbeitung des eigenen Schicksals und der Shoah. Das Erfassen des Unfassbaren – ein unmögliches Unterfangen. Ihm, der als deutscher Jude zweifach Opfer wurde, gelingt es nicht, mit alttestamentlichen Bezügen und erotischen Anspielungen in seinen Gedichten sowie in der Einsamkeit seines Daseins in der französischen Metropole zur Ruhe zu kommen. Im Gegenteil: Gerade an dieser Einsamkeit in Paris, die Celan im Sinne des in alle Welt verstreuten jüdischen Volkes bewusst kultivierte, sollte er zerbrechen.

 

Darüber gibt der im April 2004 bei Suhrkamp erschienene Briefwechsel des Dichters mit seiner Jugendfreundin und Geliebten Ilana Shmueli einigen Aufschluss. Die Briefe vom Winter 1969/70 sind ein beeindruckendes Zeugnis seines Seelenzustands: Erschöpft liegt Celan in den letzten Atemzügen. Im April 1970 nimmt er sich das Leben.

 

Zeichen seiner Erschöpfung hatte es zuvor schon gegeben, die Folge seiner psychischen Überlastung als Konsequenz des biographischen Unheils. Einmal reißt Celan einem Passanten einen leuchtend gelben Schal vom Hals, weil dieser ihn an den gelben Judenstern erinnert, den er einst tragen musste. 1966 wird er zwangsweise in eine Heilanstalt eingewiesen, bleibt dort jedoch nur kurz. Am Ende lässt Celan nur noch Ilana Shmueli an sich sein heran, schreibt ihr aus seinem „totalen Down“.

 

Ilana antwortet ihm aus der Ferne. Sie war in den neu gegründeten Staat Israel umgesiedelt. Warum ging Paul nicht mit ihr? Ilana hatte ihn darum gebeten. 1969 besuchte Paul sie in ihrer neuen Heimat. Die metaphysisch-transzendentalen Geborgenheitsvorstellungen vieler Juden vom himmlischen Jerusalem teilte Celan ebenso wenig wie die realpolitische Option des Zionismus: ein irdischen Jerusalem als Zentrum einer neuen Heimat des jüdischen Volkes im neuen Staat Israel auf dem Boden des alten Bundes. „Hoffe, hoffe ein stilles Hoffen, kein zu großes“, schrieb er in einem Brief an Ilana. An den Toren Jerusalems stehend, steht Paul gleichsam „an den Toren der Vergeblichkeit“: „Israel – das Land, das sein Volk auffrißt, ein heilloses Durcheinander – Ich will nicht!“ Er kehrt zurück nach Paris.

 

Das Abschiedsgedicht Celans, dass er der schockierten Ilana im April 1970 schickt, gibt Zeugnis von einer für den Autor lächerlich gewordenen Welt, in der er keinen Sinn zu erkennen vermag. Mit einem Sprung in die Seine verlässt er diese Welt, von der er nur noch spottet: „Die Welt, Welt / in allen Fürzen gerecht.“ Ilana Shmueli, mittlerweile 86 Jahre alt, lebt immer noch in dieser „gerechten Welt“, in Jerusalem, Israel.


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