Spring 8: Familiensilber
08.09.2011
Oma ist die Beste!
Comic, Illustrationen, Kunst – die Anthologie Spring vereinigt diese drei Bereiche regelmäßig in einem Band und ist damit in Deutschland einzigartig. Familiensilber, die aktuelle Ausgabe, enthält Geschichten über besondere Menschen und deren Erinnerungen und Erlebnisse. Das regt zum Nachdenken an, findet FRANZISKA BECHTOLD.
Keine Frage, diese Anthologie ist von Frauen für Frauen – was selbstverständlich nicht bedeutet, dass die liebevoll erzählten Geschichten den Herren der Schöpfung verschlossen bleiben sollten. Trotzdem sind es ausschließlich Heldinnen, mit denen wir auf eine Reise – oft durch die Zeit – gehen. Wir lernen die Menschen kennen, die ihnen wichtig sind und waren; ganz nebenbei werden wir auch auf unser eigenes "Familiensilber" aufmerksam gemacht. Vor allem die Großmütter stehen als starke Frauen häufig im Vordergrund.
In El Tango de la Familia geht es um deutsche Einwanderer nach Südamerika, während wir in Kapitän Irmina zusammen mit der jungen Barbara das Leben ihrer verstorbenen Großmutter erforschen. Die Enkelin von Frida erzählt uns vom Leben in der DDR und in Der Papa erfahren wir von den Problemen einer jungen Mutter. Malzbier im Hof zeigt, dass zur Familie nicht nur unmittelbare Verwandte gehören, sondern Menschen, die wir in unser Herz geschlossen haben, und Gundula nimmt uns mit auf eine abenteuerliche Reise nach New York.
Emotionsgeladen und ein bisschen melancholisch
Der vielseitige Mix aus Illustration und Comic macht jede der kurzen Geschichten zu einem einzigartigen kleinen Kunstwerk. Dabei wurde eine ganze Palette an Emotionen in die 228 Seiten gezwängt: Von Freude über Verwunderung bis hin zu Schwermütigkeit ist alles vertreten. Ein bisschen Melancholie schwingt in jeder Geschichte mit, wenn man ganz automatisch das Erzählte auf sich selbst reflektiert.
Die längste Geschichte des Bandes, Happy Blending II, ist gleichzeitig die, die am meisten hervorsticht. Die autobiografisch orientierte Story ist verstörend - wenn wir in die Psyche der Protagonistin eindringen - und tragisch - wenn wir den Zwist zwischen ihr und ihrem Mann miterleben. Das Paar kann erst durch den Tod eines geliebten Tieres wieder zusammenfinden. Leider fällt es schwer, Zugang zu den Charakteren zu finden, und man kann somit stellenweise nur zu einem gewissen Maße ihr Handeln nachvollziehen – was zu mehr Unverständnis als Mitgefühl mit der Heldin führt.
Kunst am Geschirr
Ein weiteres Element, das diesen Band besonders macht, sind die verschiedenen künstlerischen Ansätze. Lustige und kreative Einfälle lösen unverständliche und wirre Teile ab. Vor allem die Zeichnungen unter dem Titel Die Konstanten sind nur schwer zugänglich und erzeugen hauptsächlich Stirnrunzeln. Im Kontrast dazu erzeugt die Bilderstrecke Porcelain eher Lachfalten – nicht ganz ernst gemeint, werden die modifizierten Konterfeis berühmter Persönlichkeiten auf Mutters gutes Geschirr gekritzelt.
Mit kleinen Abstrichen ist Familiensilber ein Gesamtkunstwerk, das direkt ans Herz geht. Eine Sammlung wunderschöner Geschichten, die auch auf den Leser selbst zeigen und sagen: Wie gut kennst du eigentliche deine Familie? Wärmste Empfehlung für Romantiker, Nostalgiker, Familienmenschen und jeden, der gerne in Erinnerungen schwelgt.

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