Hans Arthur Marsiske: Kriegsmaschinen Hommage zum 80. Geburtstag von Fernando Botero Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens Der FUTTERblog - streng verdaulich! Kennzeichen T - 28.04.2012 Nis-Momme Stockmanns Heimkehrstück "Der Freund krank" in Frankfurt uraufgeführt
Donnerstag, 17. Mai 2012 | 07:04

Keith Gray: Ostrich Boys

22.11.2010

Ein tragischer Fall von Betriebsblindheit

Keith Gray erzählt in Ostrich Boys von Vieren, die zusammenhielten wie Pech und Schwefel. Und jetzt ist einer tot, vor ein Auto gelaufen. Der Fahrer behauptet, mit Absicht, aber das ist doch völlig unmöglich, oder? Von BEATE MAINKA

 

Schon die Trauerfeier entspricht überhaupt nicht dem Bild, das sie von ihrem eingeäscherten Freund Ross haben, der da in einer Urne auf dem Tisch des Elternhauses steht. Und weil Kenny, Blake und Sim das alles so furchtbar ungerecht finden und ihre Wut und Trauer so überhaupt nicht kanalisieren können, klauen sie kurzentschlossen die Urne und begeben sich auf eine völlig schräge Reise quer durch Großbritannien hinauf ins einsame Schottland zu einem Ort namens Ross, denn da wollte der tote Freund immer schon einmal hin.

 

Roadmovie zum Lesen

Leider läuft überhaupt nichts rund auf diesem Trip, da ist der verlorene Rucksack mit der Reisekasse noch das geringste Problem. Doch die Freunde beschwören immer wieder ihre unumstößliche Gemeinschaft und irgendwie lavieren sie sich durch, bis Kenny es nicht mehr aushält und doch zu Hause anruft, um zu erfahren, wie tief sie sich hineingeritten haben. Was von den anderen als Verrat empfunden wird, führt dann auch zum Bruch, denn sie müssen sich der Tatsache stellen, dass Ross‘ Abschied vom Leben ein freiwilliger war und auch sie, wie alle anderen, den Kopf in den Sand gesteckt haben vor den Nöten des Freundes.  Nur am Rande sei erwähnt, dass für das Verständnis des Titels (ostrich (engl.) = Strauß) eine pfiffige Übersetzung vielleicht hilfreich gewesen wäre.

 

Trauer zum Totlachen

Ein schwieriges, immer noch tabuisiertes Thema geht der bei uns bisher relativ unbekannte britische Autor mit bewundernswerter Leichtigkeit an. Jüngst veröffentlichte Zahlen untermauern dessen Aktualität, denn im vergangenen Jahr stiegen die Suizide unter Jugendlichen an. Und dennoch klagt Gray nicht an, sondern er durchleuchtet, von verschiedenen Seiten und insbesondere aus der Perspektive der Jugendlichen, denn Kenny ist der Erzähler der Geschichte. Genau darin liegt der Reiz des Buches, denn bei aller Ernsthaftigkeit entfaltet sich die ganze pubertäre Unbeholfenheit und Überforderung der Freunde angesichts der ungeheuerlichen Situation und entlädt sich in teils absurder Komik. Sie können nicht anders und man sieht es ihnen nach.

 

Die Spannung der Geschichte liegt allerdings noch auf einer ganz anderen Ebene, denn Gray führt seine Leser gemeinsam mit seinen jungen Wilden an der Nase herum. Dass Ross‘ Tod ein freiwilliger war, erahnt auch der Leser erst ganz allmählich. Der Diebstahl der Urne, der zunächst als Dummer-Jungen-Streich daherkommt, entwickelt ganz allmählich eine so ungeheuerliche Dimension, dass den Jungen zunehmend mulmig wird. Zu Recht, wie sich herausstellt, da tröstet auch die vielbeschworene Freundschaft, jetzt über den Tod hinaus, nicht mehr. Denn letztlich müssen sich auch die Freunde der grausamen Tatsache stellen, dass sie wie alle anderen Menschen aus Ross‘ Umfeld nicht genau hingeschaut haben, eigenes Verhalten fragwürdig war, Verletzungen verdrängt wurden.

 

Grays Perspektive auf die Ursache eines Selbstmordes ist ungewöhnlich, denn obwohl Ross in Form seiner Asche omnipräsent ist, verblasst sein reales Leben durch die Interpretationen und Spekulationen seiner Freunde. Die bittere Wahrheit er- und bekennen sie erst am Schluss, und da ist es für Ross schon längst zu spät. Doch Gray bietet gerade dadurch seinen jugendlichen Lesern Auswege an, denn er motiviert zum genauen Hinschauen, zum Überdenken eigener Verhaltensmuster, und zwar, bevor jemand diesen letzten bitteren Schritt tut.


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Gesamtnote: zehn. Bestanden!

Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Und so weiter

Der Titan kämpft mit den Tränen

ein ungleicher Kampf

Das Schicksal unterdrückt ein Gähnen

immer unter Dampf

Wie eine ausgepresste Orange

 

Hans Joachim Schädlich gehört fraglos immer noch zu den unterschätzten Autoren des deutschen Sprachraums. Dabei versteht es der 76-jährige Autor ...

Toppreis für Ihr Zahngold

Mit Die Sorgen der Killer empfiehlt sich Guido Rohm einmal mehr als Avantegardist der deutschen Kriminalliteratur.

Von THOR KUNKEL

Mir träumte, ich träume, und das nicht zu knapp

Geißbock, Lippenstift, Tod & Teufel und ihr nächtliches Erscheinen – Die Wunderwelt, durch die ich schwebte herausgegeben von Manfred Chobot und Dieter Bandhauer. Von ...

Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht

Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...

Kampf der Superlative

Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...