Beträchtliches Aufsehen hat der deutsche Literaturwissenschaftler Michael Maar mit seiner Entdeckung gemacht, dass es vor Vladimir Nabokovs „Lolita“ (1955) bereits eine andere gab. Mit dem gleichen Namen wie Nabokovs späterer Roman, der ihm weltweiten Ruhm brachte, hatte ein bislang unbekannter Heinrich v. Lichberg seine 1916 publizierte hoffmanneske Novelle betitelt, in der ein junges spanisches Mädchen dieses Namens ein kurzzeitiges Verhältnis mit einem wesentlich älteren Mann hat und in Folge eines Familienfluchs stirbt – nachdem der deutsche Liebhaber sie verlassen hatte.
Die Tatsache, dass Nabokov von 1922 bis 1937 als russischer Emigrant in Deutschland, vor allem in Berlin lebte und ein wenig deutsch konnte, wenngleich er die Deutschen nicht mochte (wen mochte er schon – außer sich?), und der „Lolita“-Novellist als Journalist in Berlin sein Leben bestritt, hat zu Spekulationen geführt, in Heinrich v. Lichberg den literarischen Urgroßvater der Nabokovschen elfjährigen Nymphe zu sehen, der Hubert Hubert (oder diese ihm) ins Netz ging.
Nabokovs deutscher Statthalter Dieter E. Zimmer, der die beispielhafte Edition des Nabokovschen Oeuvres bei Rowohlt als Herausgeber & Übersetzer verantwortet, hat nun in der jüngsten Ausgabe der „Zeit“, deren Feuilletonchef er einmal war, alle die von dem Entdecker Maar teils in die Welt gesetzten, teils von der literarischen Welt provozierten Spekulationen über die literarische Entdeckung für Nonsens erachtet und erklärt, dass er es für unwahrscheinlich halte, dass der Exil-Russe in Berlin diese deutsche „Lolita“-Novelle gekannt habe. Von Maars drei möglichen Erklärungen (1. Reiner Zufall. 2. Absichtsvolles Plagiat. 3. Eine Art unterirdische Fernwirkung aus dem Nabokovschen Unbewussten – wozu Maar neigt) hält Dieter E. Zimmer offenbar nur die erste für triftig und das ganze Tam-Tam, mit dem die FAZ den Fall inszenierte und das angesehene britische „Times Literary Supplement“, das Maars FAZ-Artikel nachdruckte und in die englischsprachige Welt trug, für einen der üblichen kulturellen Medienrummel, mit dem wieder einmal ein kleiner Furz zum elefantösen Donnerschlag promoviert wurde.
Nun mag er ja mit letzterem durchaus Recht haben, selbst wenn Zimmer – der für so etwas wie der deutsche Nabokov-Guru gilt, vergleichbar dem „Faust“-Alleswisser Albrecht Schöne – in der missgünstigen deutschen Öffentlichkeit als „orthodoxer“ Parteigänger erscheinen mag, der mit womöglich scheelem Blick auf Michael Maars unverhoffte Entdeckung blickt. Man darf aber wohl zurecht fragen, ob Zimmer als „Lolita“-Herausgeber, wenn er vor Maar dessen spätere Entdeckung gemacht hätte, sie nicht zumindest in seinem „Lolita“-Nachwort erwähnt haben würde?
Denn absolut ausgeschlossen kann Nabokovs Kenntnis des literarisch unerheblichen Stückchens eines literarischen Nobodys nicht werden. „Es ist schwer genug, den Nachweis zu führen, dass jemand ein bestimmtes Buch gekannt hat – nachzuweisen, dass er etwas nicht gekannt hat, ist gänzlich unmöglich“, gibt Dieter E. Zimmer zu. Jedoch könne Maar „keinerlei positive Evidenz“ für seine Mutmaßung anführen, wonach Nabokov Lichbergs „Lolita“ gekannt und nur daraufhin sein Unbewusstes sie wieder aktiviert habe, als der Romancier 30 Jahre später sein Skandalbuch, das zuerst in der Pariser Olympia-Press erscheinen musste, geschrieben hat.
Das ist zwar richtig, aber die Annahme einer literaturhistorischen Koinzidenz wäre wiederum derart absurd, dass Maars tiefenpsychologische Deutung zumindest einen höheren Grad an Wahrscheinlichkeit (auch im Sinne eines Möglichkeitsdenkens) für sich hat. Richtig aber ist etwas Anderes: dass Maars Entdeckung nichts an Nabokovs „Lolita“-Roman ändert, berührt oder „ergänzt“, weil der Titel eines von Arno Schmidt übersetzten Romans des Viktorianers Bulwer-Lytton schlüssig formuliert, worauf es immer einzig in Literatur ankommt: „Was wird er damit machen?“, nämlich hier Nabokov, der die drei Silben Lo-li-ta zum Signum eines der großen Romane der Weltliteratur gemacht hat; oder dort z. B. Thomas Mann.
Denn zu einem anderen Zwanzigsten-Jahrhundert-Roman, dem Thomas Mannschen „Zauberberg“, hat der literarische Privatforscher Reinhard Pabst etwas Ähnliches, wenn nicht sogar weitaus Triftigeres kürzlich herausgefunden. In dem 1907 im Selbstverlag publizierten Buch eines Johannes Uhtenwold mit dem Titel „Unter Kranken und Gesunden in Davos. Die Geschichte eines Kuraufenthalts“, ist Pabst, der eben Adornos „Kindheit in Amorbach“ zu einem wunderbaren Memorial zusammenrecherchiert hat, auf erstaunliche Nähen zu Thomas Manns 1924 publiziertem Roman gestoßen. Pabst beschreibt, was er dort gefunden hat: „Ein einfacher junger Mann mit Vornamen Hans reist nach dem Examen von Norddeutschland nach Davos“. Dieser „Postsekretär Hans aus dem Wald“, das erkennbare Pseudonym seines Autors Johannes Uhtenwold, „porträtiert einige Davoser Patienten“, bemerkt Pabst, die „jedem Zauberberg-Leser bekannt vorkommen“ werden. An seinem Tisch im Speisesaal sitzt „ein baumlanger, breitschultriger Jüngling von frischer, gesunder Farbe, der als Gardeleutnant gewiss keine üble Figur gemacht hatte“ und dessen größter Wunsch es wäre, „Soldat zu werden“. Außer zum Kurgast, so beklagt er sich (ich zitiere Pabst), habe er es jedoch im Leben zu nichts gebracht, seiner Tuberkuloseerkrankung wegen sitze er nun „weit vom Schuss“.
Reinhard Pabst hat im Folgenden allein das Wort: 'Dann lernt Hans einen holländischen Mynheer kennen, „Pflanzer von der Insel Java“, der ihn „in das lebhafteste Gespräch verwickelt“. Und schließlich läuft ihm ein Oppositionsmann über den Weg, der offenbar nicht ganz ernst zu nehmen ist. Das scheint sowohl daran zu liegen, was er sagt – „aha, denke ich, was wird der heute wieder reden, vom Übermenschen etwa oder von der politischen Blindheit des deutschen Volkes?“ – als auch daran, wie er dies tut: Die Worte „sprudelt“ er selbstverliebt „hervor“. Damit nicht genug: Wie sein Namensvetter Hans Castorp kauft sich Hans aus dem Wald eine Winterausrüstung und erlernt das Skifahren. Und wie dieser lauscht auch er auf einer einsamen Schneewanderung den „Stimmen der Stille“, die „kein Vogelruf, kein Menschenlaut durchdringt“.'
Aus diesem Lektürebericht Pabsts von dem mit zahlreichen Fotos ausgestatteten „Reise- und Skizzenbuch“ Uhtenwolds treten schemenhaft das berühmte „Schnee“-Kapitel, der Mynheer Peeperkorn, der humanistische Settembrini, Hans Castorp und Joachim Ziemßen hervor, ebenso die Anreise aus dem norddeutschen Flachland auf den Zauberberg. Und wenn man bedenkt, das Castorp sieben Jahre bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs auf dem Zauberberg verbringt, dann wäre er justament im Erscheinungsjahr des selbstverlegten Berichts „Unter Kranken und Gesunden in Davos“ dorthin aufgebrochen.
„Sollten das alles nur Zufälle sein?“, fragt Pabst mit ironischem Understatement, umso mehr als man weiß, wie umfänglich der Lübecker Literaturnobelpreisträger alle seine Romanstoffe mit entlegensten & nächstliegenden Materialien vor- & ausgefüttert und wie souverän er Vorgefundenes verformt & mit Zitaten montiert hat (so sehr, dass einem Bert Brecht, hätte er es je gewusst, respektvoll die Spucke weggeblieben wäre). Als Schmankerl wirft Pabst seinem erstaunlichen Fundstück noch den Hinweis auf Alfred Sassens „Weiße Nelken. Ein Roman aus Davos“ (1904) hinterher, „in dem der Aufenthalt zweier Vettern“ dortselbst geschildert wird.
Jedoch: der ganze Mannsche Materialienberg, über dem sich sein zweibändiger „Zauberberg“ erhebt, ist verloren oder vernichtet, so dass Pabst ähnlich post festum spekulativ dasteht, wie Michael Maar beim Silberblick auf seine zwei Lolitas. Jedoch scheint Pabst auf sicherem Grund zu fußen, wenn man Thomas Mann’s eben erwähnte, bekannte und nachgewiesene Arbeitsmethode, die zeitliche Nähe und die örtliche Identität von Fundstück(en) und Roman und erst recht die Auffälligkeit der Personen in Betracht zieht – es sei denn, was ebenso unwahrscheinlich wie erheiternd wäre, Thomas Mann wäre, als er selbst im Davoser Sanatorium seine Ehefrau Katja besuchte, dort auf das immer noch gleiche Personal gestoßen, das Johannes Uhtenwold bereits mehr als ein Jahrzehnt früher beschrieben hatte. Vielleicht aber nimmt jemand den von Reinhard Pabst gefundenen Roten Faden auf und spürt der Existenz des Selbstlebensbeschreibers & -verlegers Uhtenwold nach – und findet am Ende gar in dessen Nachlass einen Dankesbrief seines norddeutschen Landsmanns Thomas Mann?
Jedenfalls steckt die (literarische) Welt voller Merkwürdigkeiten. Aber Koinzidenzen, sprich Zufälle bei bislang unbekannten und nun aufgedeckten stofflichen Verwandtschaften dürften dabei die unwahrscheinlichsten sein.
Bleibt nur noch zu fragen: warum hat Michael Maars Spekulation über die dreisilbige Herkunft der Nabokovschen Lolita weltweit soviel Erregungs-Staub aufgewirbelt und warum Reinhard Pabsts im Vergleich dazu doch viel fündigere Ausgrabungen am Fuße des Zauberbergs nur ein Schweigen im Blätterwald gefunden?
Das hat mit ihrer bombastischen Inszenierung der „Affäre Lolita“ einzig & allein die FAZ getan – während „Focus“, das Münchner Nachrichtenmagazin der „Fakten, Fakten, Fakten“, wo in der Nr. 1 vom 30. 12. 2002 (!) Pabst seine Funde präsentierte, die schimmernden Nuggets seines Freien Mitarbeiters im Vorgelände einer Rezension verbuddelte, die der Neuedition des „Zauberbergs“ galt. So ist der glückliche Rechercheur Reinhard Pabst, verlassen von allen Guten Geistern, die im Focus nicht zuhause gewesen zu sein scheinen, mit seinen literaturhistorischen Präsenten buchstäblich auf der journalistischen „Fehlhalde“ (Th. Mann) gelandet. Wäre er nur zur FAZ gegangen, wo die großen Buschtrommeln stehen!
Wenn aber jetzt von Maar & Nabokov gesprochen wird, sollten Pabst und der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann gefälligst nicht vergessen werden.
Wolfram Schütte