„Was ich von ihnen gesehen und was ich von ihnen gehört hatte“ (Marcel Proust)
Es soll Menschen geben, die es auf ihren Fotos tunlichst vermeiden, Personen insbesondere aus ihrem engeren Umfeld abzubilden. Dies hat zwar in der Regel keine rituellen Gründe mehr, ist also nicht etwa der Furcht vor Verzauberung geschuldet. Wohl aber dient dieses Verhalten, bewusst oder unbewusst, dem Konfrontationsschutz. Denn es sind gerade Bilder von Menschen, die besonders stark faszinieren und berühren können und zugleich drastisch zeigen, wie sehr sich Zeiten und Gesichter wandeln. Eines jedoch bleibt unverändert: der Porträtierte oder nur im Bildausschnitt festgehaltene, der kunstvoll arrangierte oder der wie in einem Schnappschuss ertappte Mensch gibt sich preis, auch wenn er gerade das vielleicht
nicht will.

So verweist denn auch das Zitat von Marcel Proust im Titel des vorliegenden Kataloges –
„Was ich von ihnen gesehen und was ich von ihnen gehört hatte“ – auf den Zusammenhang von Abbildung und (Lebens-) Geschichte. Wer das Foto von einem Menschen betrachtet, wird sich immer Fragen stellen, etwa danach, wer die Person ist, von wann das Bild stammt, wieso es aufgenommen wurde, vielleicht auch, was aus dem Menschen geworden ist. Und wer portraitiert wurde, wird immer im Zweifel sein, ob denn sein Abbild zugleich so wahrgenommen wird, wie er es gerne möchte. U.a. auf diese ‚Bildgeschichten’ verweisen die Kurzessays, die die drei Kapitel „Konventionen – Konzept“, „Fragmentierung – Verzeichnung“ und „Moment – Inszenierung“ jeweils einleiten.
Insbesondere aber macht der Band „Der fotografierte Mensch“ mit der sich über mehr als 150 Jahre erstreckenden Auswahl der Exponate offensichtlich, wie sich die Formen fotografisch inszenierter bzw. spontan fixierter Erinnerung wandeln. Veranschaulicht werden stilistische Entwicklungen von der strengen, durch technische Notwendigkeiten oder den vorherrschenden Stil der Zeit (z.B. André Adolphe-Eugène) und die Fotografen selbst bedingte Inszenierung (Anna und Bernhard J. Blume) über die durch den Portraitierten getragene (Selbst-) Inszenierung (u.a. bei Volker Heinze) bis hin zur Inszenierung der Inszenierung (etwa bei Cindy Sherman). Ebenso deutlich wie das verbindende erzählerische Element einer den Fotos zugrunde liegenden Geschichte erschließt sich hinsichtlich der formalen Veränderungen das Gemeinsame der Bilder: das Gestellte, das Gespielte, das wie unterschiedlich auch immer Arrangierte – mit anderen Worten: das theatralische Element der Fotografie.
Von Olaf Selg
Ute Eskildsen (Hg.): Der fotografierte Mensch. Mit Essays von Felix Hoffmann, Petra Steinhardt und Katja Roßocha. 152 Seiten mit 116 Fotografien in Farbe und sw. Steidl 2004 28,00 ¤ ISBN 3-88243-958-0