Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln
18.01.2010
Das Buch für die einsame Insel
Kunstvoll illustriert und aufwändig produziert: dieser Atlas glänzt durch fantasievolle Einfälle und handwerkliche Fertigkeit. Mehr solcher herausragender Gesamtkunstwerke wünscht sich INGEBORG JAISER.
Manche lernen das ABC anhand von Versandhauskatalogen, andere erarbeiten sich die Welt über Atlanten. Judith Schalansky war so ein „Atlas-Kind“, das natürlich nie im Ausland war und nur durch Fingerreisen diesen Erdball erkundete. 1980 in der DDR geboren und bei Greifswald aufgewachsen, erschien ihr jeder Flecken jenseits des Heimatorts schier unerreichbar. „Zwischen DDR und BRD verlief zufällig der Falz des Buchrückens“, vertraute sie Roger Willemsen in einem kürzlich veröffentlichten ZEIT-Interview an. „Die andere Welt war also die andere Buchseite.“
So erscheint der jetzt veröffentlichte Atlas der abgelegenen Inseln wie die Umsetzung eines lang gehegten Jugendtraums, wie die Verkörperung einer stetig verfolgten Lebensidee. Robinson Crusoe und Stevensons Schatzinsel, Expeditionen ins ewige Eis und Verbannungen auf einsame Eilande – was könnte spannender sein als das gewagte Gedankenspiel mit den Ländereien fernab unseres Horizonts?
Das Paradies ist eine Insel
Billigflieger, Google Earth und eine Flut von Reiseliteratur gaukeln uns heutzutage vor, die ganze Welt läge uns erschlossen zu Füßen. Doch mitnichten. Judith Schalansky hat sich aufgemacht, fünfzig gänzlich abgelegene Inseln auf dem Globus aufzuspüren, zu benennen, auszuloten. Das winzige, zu Frankreich gehörende, im Indischen Ozean gelegene Eiland Tromelin gehört ebenso dazu wie das unbewohnte Fangataufa-Atoll oder die lang gezogene Macquarieinsel zwischen Neuseeland und der Antarktis. Jede dieser Inseln wird auf einer Doppelseite vorgestellt: rechts die geografischen Gegebenheiten, stets im akribisch gleichen Maßstab gezeichnet – links eine mal genial recherchierte, mal lustvoll erfundene oder abstrus ausgeheckte, stets jedoch stimmige, inspirierende Prosaminiatur. Von gestrandeten Sklaven und meuternden Matrosen ist da die Rede, von einsamen Wissenschaftlern und mordenden Eingeborenen, von vergessenen Schiffbrüchigen und verbannten Sträflingen.
Spannend ist dieses Arrangement, überaus reizvoll und anregend. Stundenlang, tagelang könnte man sich so auf Gedankenreisen begeben. Und wer die haptischen, visuellen und sinnlichen Qualitäten dieses Buches erfahren hat, wird auf lange Zeit Abstand nehmen von technisch noch so ausgereiften E-Books.
Mattes Blaugrau und sattes Orange
Schon allein das Vorwort besticht durch eine herrlich ausladende Schrifttype, eine rustikale, serifenverliebte MVB Sirenne, mit großzügigem Zeilenabstand – einfach wohltuend nach all den modischen Miniaturschriften der letzten Jahre. Während die kartografierten Inseln in einem müden, matten Blaugrau dahinschwimmen, präsentieren sich Vorsatzblatt und Kapitelunterteilungen in einem glühenden, satten Orange. Selbstredend beeindruckt dieses Buch durch einen soliden Halbleineneinband mit dreiseitigem Farbschnitt, durch eine handwerklich einwandfreie Fadenheftung und mehrere perfekt aufbereitete Indices.
Und wenn man die Nase tief in dieses Wunderwerk hineinsteckt, meint man noch Druckerfarbe und Klebstoff zu riechen. Sanft gleiten die Fingerkuppen über das mattierte Papier. Hochachtung vor der Autorin und Gestalterin Judith Schalansky, die ihr umfassendes Wissen aus Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign beispielgebend in diesem Gesamtkunstwerk umgesetzt hat. Und herzlichen Dank an den Mare Buchverlag, der sich dem Wagnis ausgesetzt hat, ein derart hochwertig produziertes Buch auf den Markt zu bringen. Bibliophile, Entdecker, Tagträumer und Weltreisende werden es zu schätzen wissen!
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