Da fällt nicht nur sofort der Goldschnitt auf, der die Seiten des Buchblocks umgibt und verziert, sondern auch der Schutzumschlag, der, entfaltet, das Triptychon „Großstadt“ von Otto Dix aus dem Jahr 1927/28 im Großformat zeigt. Dies wären nur Äußerlichkeiten, Spielereien, würde der Band nicht auch durch seine weitere Seitengestaltung und seine Inhalte überzeugen. Die Bebilderung der Aufsätze und die Präsentation der Triptychen sind dem jeweiligen Kunstwerk angepasst und vorbildlich. Dies schließt einen großzügigen Drucksatz mit viel Platz für die Bilder sowie angenehme Schriftarten und -größen mit ein.
45 Künstler werden zumeist mit einem Dreiteiler – darunter auch Videoinstallationen – präsentiert, insgesamt um die 60 Werke; hinzu kommen einige Vorstufen. Jedes Triptychon wird von einer einführenden Kurztext über ein bis zwei Seiten begleitet, doch das ist noch nicht alles: Man hat versucht, per Brief möglichst viele „Künstlerkommentare“ (nicht nur der im Bildteil vertretenen Artisten) zur persönlichen Bedeutung des Triptychons einzuholen und konnte immerhin 16 Antworten abdrucken.
Francis Bacon contra „Dr. Tryptychon“In diesen Antworten spiegelt sich das Spektrum der Möglichkeiten des „Triptychons in der Moderne“ wider, das auch die Katalogautoren in ihren Texten darstellen. So schreibt etwa Francis Bacon: „Ich weiß nicht, ob man in meinem Fall von einem Triptychon sprechen kann. Natürlich sind da drei Leinwände, und man kann das in eine lange Tradition stellen ... Es sind zumeist drei Tafeln, aber es gibt keinen Grund, warum ich nicht fortfahren und noch einige hinzufügen sollte.“ Macht er aber nicht. Die einerseits angenehm unaufgeregte Sichtweise von Bacon bedarf andererseits der Erläuterung möglicher, über eine willentliche Entscheidung für „nur“ drei Leinwände hinausgehender Gründe und Zusammenhänge.
Wolfgang Ullrich („Autoritäre Bilder. Die Zweite Karriere des Triptychons seit dem 19. Jahrhundert“), Joachim Valentin („Drei – Anfang der Vielheit. Philosophisches und religionswissenschaftliches Rauschen hinter dem Triptychon“) und Herausgeberin Marion Ackermann („Sehnsucht nach Vollkommenheit. Spielarten des Triptychons im 20. und 21. Jahrhundert) leisten dies in ihren Aufsätzen dicht und verständlich. Ihre Texte stehen damit im Kontrast beispielsweise zum verquast-selbstverliebten Kunstspaßvogel „Dr. Tryptychon“ [sic] Jonathan Meese und seinem Künstlerkommentar.
Ein lebendiges Spektrum
Insgesamt bekommt man in dem Band ein lebendiges Spektrum geboten, bewegt man sich im Spannungsfeld der „Dreierkonstellation als Grundmuster“ (Joachim Valentin), sei es nun göttlichen Ursprungs oder menschengemacht, erinnert sich hier ein wenig an Hieronymus Bosch und dort an einen pop-artigen Comic-Strip, steht motivisch nach Marion Ackermann mal zwischen „Leben und Tod“ (Bill Viola, Katharina Sieverding, Hermann Nitsch, Pablo Wendel, Damien Hirst) oder Entzug und Konfrontation (Dieter Roth, Richard Artschwager), verbleibt in der Abstraktion (Sophie Taeuber-Arp, Sean Scully, Yves Klein) oder entdeckt die Zeit- bzw. Gesellschaftskritik bei Otto Dix, Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Niki de Saint Phalle und Willi Sitte. Das Triptychon scheint sein zeitgemäßes, formales Potenzial voll zu entfalten, da es mit seiner Multibildlichkeit heutigen Sehgewohnheiten entgegenkommt, ohne jedoch der Beliebigkeit einer Bilderflut anheimzufallen.
Olaf Selg

Abb.: Otto Dix: „Großstadt”, 1927/28
Zugehörige Ausstellung: Kunstmuseum Stuttgart, bis 14.06.2009
Marion Ackermann (Hg.): Drei. Das Triptychon in der Moderne. Texte von Marion Ackermann, Wolfgang Ullrich, Joachim Valentin u. a. Hatje Cantz 2009. 328 S. 100 farbige Abb. Geb. mit Plakat-Schutzumschlag. ¤ 39,80. ISBN 978-3-7757-2327-5