Grönland ist nicht jedermanns Reiseziel. Kargheit, verlassene Landstriche und eine unerträgliche Kälte schrecken den wärmesuchenden Pauschaltouristen ab. Und wer Abenteuer sucht, fährt eher in eine Sandwüste. Für den Fotografen Olaf Otto Becker (*1959) bot Grönland jedoch alles, was er suchte: „Ich interessiere mich für das Licht. Und ich interessiere mich für Landschaften mit Wasser, Urlandschaften.“ Daher bereiste er in den Jahren 2003, 2004 und 2006, mit einer Großbildkamera ausgerüstet, in einem Schlauchboot die Westküste Grönlands.
Beckers Fotos bedienen keinen Romantizismus, wenn man sich auch gelegentlich etwa an Caspar David Friedrichs Malerei erinnert fühlt: „Seine Fotografien sind sowohl Produkte einer künstlerischen Vision als auch geografische Zeugnisse“, schreibt Katalogautor Gerry Badger in seinem Beitrag „Sehnsucht nach dem eisigen Norden – Die Grönlandfotografien von Olaf Otto Becker“.
Die Fotografien stehen also durchaus im Kontext der globalen klimatischen Instabilität, die die Natur Grönlands dauerhaft verändern wird: Wird es die großen, zusammenhängenden Eislandschaften bald nur noch auf Fotos zu sehen geben? Und was geschieht mit den dort lebenden Menschen?
Schon jetzt finden sich von ihnen nur Spuren auf den Fotos: karge Holzhäuser und Geräteschuppen auf unwegsamen, felsigen Küstenstreifen – diese menschenleeren Bilder erscheinen wie symbolhafte Darstellungen für das unwirtliche Land, dessen Zukunft ungewiss ist.
Der zweite Textbeitrag von Christoph Schaden („Wege und Linien“) enthält auch einen kurzen Bericht über die Entstehung der Fotos von der Planung bis zur Durchführung des Vorhabens. Fast zu kurz aber fällt diese Schilderung aus, fragt man sich doch angesichts der wohlkomponierten, in Lichtführung und Gesamtgestaltung gelungenen Fotos immer wieder, wie Becker selbst die Reisestrapazen durchstehen konnte. Denn im Gegensatz zum Schnappschusstourismus sieht man den mit einer Großbildkamera angefertigten Fotos an, dass jedes von ihnen seine Zeit benötigt und bekommen hat.
Die Arbeit, die sich Olaf Otto Becker gemacht hat, hat sich gelohnt: In Verbindung mit der ansprechenden Gesamtgestaltung ist der Fotoband einer der verdienten Siegertitel beim Deutschen Fotobuchpreis 2008.
Von Olaf Selg

Olaf Otto Becker: Broken Line. Hatje Cantz 2007. Text von Gerry Badger, Christoph Schaden. Dt./Engl. 152 S. mit 75 Farb-Abb. 58,00 ¤. ISBN 978-3-7757-1972-8