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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:03

 

Keith Haring: Life as a drawing.

14.02.2008


Die Kraft der Linie

Blick zurück in die 80er-Jahre – irgendwie langweilig, kein knalliges Thema. Die 80er, das poppt nicht. Irgendwie unerotisch alles.

 

Stimmt nicht. Es gab Madonna. Und gerade die 80er-Jahre boten eine eklatante Katastrophenstimmung, an der sich Mensch und Kunst abzuarbeiten hatten. Nachrüstungsdebatte und Friedensbewegung, der Supergau in Tschernobyl und die Anti-AKW- bzw. Ökologiebewegung, AIDS und die Dämonisierung der gerade erst gewonnenen sexuellen Freiheit, dazu noch Figuren in der westlichen Weltpolitik wie Thatcher, Reagan, Kohl und im Osten unberechenbare, fliegende Wechsel in der Staatsführung der UdSSR – es gab viel zu verarbeiten.
Es war genau dieses Jahrzehnt, in dem Keith Haring (1958–1990) für Aufsehen sorgte. Schon in jungen Jahren 1982 auf der Dokumenta vertreten, sind einige seiner hinterlassenen Bilder und Zeichnungen – eigentlich müsste man „Logos“ oder „Piktogramme“ sagen – Ikonen der 80er geworden.

Der vorliegende Band hat sich der nicht einfachen Aufgabe gestellt, dem Publikum diesen Künstler, der für seine knallig-poppigen Bilder bekannt ist, primär in Schwarz-Weiß (und gelegentlich mit etwas Rot) nahe bringen zu wollen. Der Betrachter muss sich dafür nicht auf einen anderen, aber einen anders wirkenden Haring einlassen. Die Textbeiträge geben dafür eine gute Hilfestellung.

Harings entscheidendes Ausdrucksmittel ist die Linie (im Katalog herausgearbeitet von Beate Reifenscheid in „Ikonografie und Ikonik“). Von Paul Klee bis zu chinesischer Kalligraphie scheinen Verbindungslinien in das Werk Harings zu führen. Und nicht zu vergessen natürlich die Comic-Zeichnung. Überhaupt ist es die eingekastelte, deutlich ausgeführte Linie, die am ehesten zur angestrebten Massenkompatibilität seiner Kunstwerke passt. Illegal ausgeführte Zeichnungen auf U-Bahn-Plakatwänden setzen eine schnell durchführbare, doch deutlich erkennbare Handschrift voraus. Und die Anfertigung von T-Shirts für den eigenen „Pop Shop“ in New York erfordern eine klare Zeichensprache, die „auf schnelle, intuitive und eindeutige Lesbarkeit angelegt ist“ („Die Lesbarkeit der Zeichen“, schlüssig dargestellt von Alexandra Kolossa, ausgehend von der These „Haring war“ – auch in seinen Gemälden – „in erster Linie Zeichner“).

So sind das in den knallig-bunten Bildern wie auch in den schwarz-weißen Zeichnungen strichmännchenhaft in wenigen Linien umrissene Baby und der in ähnlicher Haltung dargestellte Hund weltbekannt. Es scheint eine positive Kraft von diesen Lebewesen auszugehen, oftmals zusätzlich versinnbildlicht von Haring selbst in einem die Objekte umgebenden Strahlenkranz; vielleicht auf den ersten Blick ein banal wirkendes Symbol positiver Energie. Mit dieser trotzte er jedoch ebenso den negativen Zeitumständen – engagiert etwa auf einer Demonstration gegen Atomwaffen, für die er 20.000 Protestplakate drucken ließ – wie dem eigenen Schicksal, der Erkrankung an AIDS.
In anderen Zeichnungen aber scheint Haring von der apokalyptischen Weltstimmung angesteckt zu sein, die er in eine „’kannibalistische Erotik’“ transformiert (W. S. Burroughs, zitiert in dem Beitrag „Best Buddies“ von Robert C. Morgan). Doch selbst noch in der wenig schmeichelhaften Darstellung von Sexualität und Gewalt beinhaltet die Kunst Harings durchaus etwas Anrührend-Kindliches (nicht aber Kindisches): „Mit seismographischer Sensibilität verknüpfte er seine Kunst mit der Funktionsweise urbaner Kommunikationskultur.“ (Kolossa)

Von Olaf Selg














Abb.: Untitled May-83 1983.

Beate Reifenscheid (Hg.): Keith Haring – Life as a drawing. Prestel Verlag 2007.
144 S. 130 Abb. 24,95 ¤. ISBN 978-3-7913-3940-5

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