Es gab Zeiten, in denen der Hinweis „Bin beschäftigt“ der Abwehr zusätzlicher Arbeit galt, die einem jemand zuschieben wollte. Heutzutage, so Ausstellungskuratorin und Katalogautorin Gabriele Mackert, „muss das nicht mehr unbedingt abwimmelnd heißen: 'habe keine Zeit', sondern: 'ich habe (noch) Arbeit'" ("Ich Arbeite also bin ich ...?“). So ändern sich die Zeiten. Aber nicht nur dieser Paradigmenverschiebung unter dem Druck des sich verschlechternden Arbeitsmarkts geht der Katalog nach. Versucht wird vielmehr, die „Begriffe Arbeit und Freizeit aus der Perspektive der Kunst heraus“ umfassend zu konkretisieren und metaphorisieren (Gabriele Mackert: „24 Stunden sind ein Tag“). Dies auch im Kontext der grundsätzlichen Frage, wie und warum sich Menschen ihr ganzes Leben lang ständig zu beschäftigen versuchen.
So wie sich Kunst mit den ökonomischen Rahmenbedingungen, in denen sie existiert, auseinander setzen muss, hinterfragen diejenigen, die diese Bedingungen schaffen, auch die Tätigkeit der Künstler und versuchen, sich deren Ideen, deren Arbeitsweisen anzueignen. In der „Existenzform des Künstlers“ werde zunehmend ein „Effizienzmodell“ gesehen, dessen „Kardinaltugenden wie Innovation, Lernfähigkeit und Motivation übertragbar seien aus der Sphäre der Kunst in die der Wissenschaft und der industriellen Produktion“. Aber auch eine subversive Funktion der Kunst scheint nach wie vor gegeben: „Die Kunst kann mit ihren Mitteln Leitbilder bezüglich der Arbeit in Frage stellen, sie vielleicht sogar von einem viel zu hohen Sockel, auf dem sie stehen, stoßen“ (Thomas Frey: „Bin beschäftigt mit Arbeit in Arbeit“).
Doch insbesondere die ideelle Ausbeutung der Lebens- und Arbeitsform „Künstler“ in anderen Produktionsprozessen – gerade in Managementkreisen – wird in mehreren Aufsätzen kritisch beleuchtet (so auch in Ramón Reichert: „Die Legende vom Künstler als Entrepreneur“). Der situationistische Parole „Ne travaillez jamais“ (Roberto Ohrt: „Arbeitet nie“) steht dabei in Künstlerkreisen ein neues Arbeitsverständnis im Crossover von Kunst, Musik, Mode, Architektur, Design, Werbung und anderen Dienstleistungen gegenüber. Besonders der Kunst- und Kulturbereich erscheint prädestiniert für die persönliche Gratwanderung in Richtung Selbstausbeutung: „Man lässt Arbeitskämpfe nicht mehr außerhalb stattfinden, sondern in sich selbst und schaut sich dabei noch zu“ (Holger Kube Ventura: „Kunst Stück Arbeit“).
Illustriert werden die Überlegungen von einer Anzahl künstlerischer Werke, die das Thema „Arbeit“ umkreisen. Dies geht ganz einfach, indem sich zum Beispiel Francis Alys als „Turista“ zwischen andere Menschen stellt, die tatsächlich ihre Arbeitskraft als Handwerker anbieten. Oder es werden Spuren realer Arbeitskämpfe aus Frankreich gezeigt. Dort haben Arbeiter ihre Arbeitskampfforderungen einfach den Produkten, die sie herstellen, eingeschrieben, sei es auf Fahrkarten, Geldscheinen oder Zigarettenschachteln (eine Sammlung von Jean-Luc Moulène; ein ähnlicher, aktueller Fall aus Deutschland:
www.strike-bike.de). Besonders schön ist die Dokumentation des Versuchs von Elisabeth Schimana und Markus Seidl, im Juni 2000 ein Dorf in Oberösterreich eine Woche zum Nichtstun zu bewegen („Ein Dorf tut nichts“). Gar nicht so einfach wie es scheint, das Nichtstun, wie man der Entstehungsgeschichte entnehmen kann.
Von Olaf Selg

Abb. aus: Elisabeth Schimana/Markus Seidl: „Ein Dorf tut nichts“
Gabriele Mackert (Hg.): Bin Beschäftigt.
Beteiligte Künstler: Francis Alys (B), John Baldessari (USA), Alice Creischer/Andreas Siekamnn (D), Josef Dabernig (A), Matthias Klos (A/D), Aernout Mik (NL), Jean-Luc Moulène (F), Adrian Paci (AL/I), Danica Phelps (USA), Reinigungsgesellschaft (D), Corinna Schnitt (D), Elisabeth Schimana/Markus Seidl (A), Antje Schiffers (D), Ingo Vetter/Annette Weisser(D). Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK) 2007.127 S. mit zahlr. Abb. 13.00 ¤. ISBN 978-3-926865-31-8