Zugegeben: es sind etwas mehr als zwei Jahre. Nicht nur die Jahre 2006–2007, sondern auch 2004–2005 sind im vorliegenden Band präsent. Allerdings nahezu vernachlässigbar mit nur ein paar Bildern; und leider fehlen größere Abbildungen früherer Arbeiten. Dabei zeigt das aufschlussreiche Werkverzeichnis der Jahre 1998–2007, dass es Sinn gemacht hätte, die gesamten letzten zehn Jahre von Weischers Malerei gemeinsam retrospektiv zu präsentieren. Deutlicher würde beispielsweise Weischers zunehmender Wechsel von Außenansichten hin zu Interieurs. Deutlicher würde auch, dass Weischer schon immer gern ein Sujet mehrfach aufgegriffen hat, es mehr oder weniger stark variiert, wobei die ursprüngliche Inspiration dann zur Pose zu erstarren droht. Schon immer befand er sich mit seinem leicht identifizierbaren Stil auf einer Gratwanderung zwischen Manier und Masche. Er versteht es geschickt, an den Stellschrauben seines Kunstschaffens zu drehen, etwa wenn er die Formatgrößen wechselt oder beginnt, die Anzahl der gemalten Gegenstände zu reduzieren, um sowohl wieder erkennbar zu bleiben als auch abwechslungsreich zu erscheinen.
Wie schwierig es ist, Gegenwartskunst begrifflich einzuordnen, machen die drei Begleittexte deutlich. Hier wird nicht wirklich versucht, überzeugende Bezüge zu Kunstströmungen zu vertiefen. Weischer legt selbst eine Spur, indem er ein Rembrandt-Porträt als „Selbstporträt“ abliefert und daraus eine Phase der Brauntöne in seinen Bildern ableitet. Doch Jean-Christophe Ammann erzählt lieber persönliche Anekdoten, scheint in seinem Gespräch mit Weischer der Rembrandt-Fährte nicht wirklich zu trauen und zu einer tragfähigeren Position folgen zu wollen. Verständlicher Weise, denn man sollte den Bezug etwa zur Holländischen Malerei bei Weischer nicht überstrapazieren. Weischer selbst bezeichnet sein künstlerisches Vorgehen als „Samplingcharakter“. Damit legt er nahe, dass er diverse Bezüge aufgreift, auch aus „kunsthistorischen Büchern oder Wohnzeitschriften der 1950er oder 1960er Jahre“, wie Markus Stegmann schreibt. Oder vielleicht vielmehr zum Beispiel die Gemälde von Edward Hopper?
Weischers postmoderner Vorgehensweise des Bedienens im (kunst-)historischen Gemischtwarenladen steht eine erkennbar strenge Konstruktion der Bilder gegenüber; Weischer hierzu: „Ich mache das so wie beim Hausbau. Bei mir kommen oft zuerst die Wände, dann die Einrichtungsgegenstände und ganz zum Schluss die Bilder an die Wand.“ Diese Schilderung entbehrt nicht einer gewissen Komik, ist aber zielführend: So entstanden im Lauf der Jahre mit Möbeln und Accessoires angefüllte, aber unbelebte, menschenleere Abstell-Räume und karge Kulissen, manchmal mit einem surrealen Touch. „Hier wohnt niemand mehr“, heißt es denn auch treffend im Beitrag von Rudij Bergmann. Ein phasenweise durchaus sehenswerter Zustand.
Von Olaf Selg

Abb.: Frottee, 2007
Markus Stegmann (Hg.): Matthias Weischer – Malerei. Text von Rudij Bergmann, Markus Stegmann, Gespräch mit dem Künstler von Jean-Christophe Ammann. Dt./Engl. Hatje Cantz 2007. 148 S., 219 Abb. ¤ 35,00. ISBN 978-3-7757-1904-9