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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:02

 

Reality Bites. Kunst nach dem Mauerfall.

07.06.2007

Keine Mauerblümchen

Deutschland Ende der 80er-Jahre: die Mauer bröckelt, dann fällt sie. Was bedeutet diese Veränderung der innerpolitischen Landkarte für die Kunst in Deutschland? Dieser Frage wird in der Ausstellung und dem Katalog "Reality Bites" nachgegangen.

 

Ein Resultat des Mauerfalls scheint eindeutig zu sein: Teile der Kunst sind seit dem Ende der 80er-Jahre wieder näher dran am Leben. Der Mauerfall und die Wiedervereinigung der beiden Teildeutschländer haben Freiräume, aber auch Konfliktfelder geschaffen, auf die die Künstler als Mitbetroffene reagieren mussten. Ob es sich bei diesen vielfältigen Reaktionen nun um die Ausprägung einer neuen „Avantgarde“-Kunst handelt oder ob dieser Begriff für die Kunst des ausgehenden 20. Jahrhunderts gar keinen Wert mehr hat, wird in dem Katalog ausführlich erörtert (u. a. in der Einführung: „Avantgarde-Kunst nach dem Mauerfall“ von Sabine Eckmann).

Bestrebt ist man auch, die gesamtdeutsche Entwicklung nicht zu sehr auf Berlin zu fixieren. „Re-dressing Germany: Wiederaufnahmen und Neubesetzungen“ (Sabine Eckmann), „Bits_and_Pieces: Kunst im Zeitalter globaler Netzwerke“ (Lutz Koepnick) oder „Die Plastizität des Realen: Raumkonzepte und Wirklichkeitseffekte“ (Gertrud Koch) nehmen die Veränderungen hierzulande umfassend in den Blick.
Nach einem Ausflug von Diedrich Diederichsen in die politisch-gesellschaftliche Zeitgeschichte („Deutsche Kunst vor und nach 1989: Politik, Projekte und Patriarchen“), dem man inhaltlich zwar folgen kann, in seiner Bewertung einzelner politischer Strömungen aber natürlich nicht muss, kommt man dann doch schlussendlich in Berlin an („Konstruktion eines Mythos? Die Entstehung der Kunst-Metropole Berlin“ von Beate Kemfert; „Berlin rekonstruiert“ von Iain Body Whyte), was letztendlich nur folgerichtig erscheint.

Dass es gerade in Bezug auf Berlin im Detail etwa bei Whyte immer auch zu Falschmeldungen kommt (der Tränenpalast ist leider kein Nachtclub mehr, sondern Baustelle; der neue und zweifelhafte Hauptbahnhof hat eben noch keine U-Bahn-Anbindung und macht gerade dadurch Zugfahrten von und nach Berlin aufwändiger als zuvor; und auch der Osten wird nicht sich selbst überlassen, sondern ebenso durch z. T. zweifelhafte Projekte wie eine neue, riesige Arena bzw. Mehrzweckhalle am Ostbahnhof beglückt) kann insgesamt verschmerzt werden, da die Gesamtentwicklung zur Diskussion steht. Eines muss aber noch im Zusammenhang mit Whytes Beitrag erwähnt werden: Warum ausgerechnet dieser Text über die Stadtentwicklung, den Whyte sehr plastisch anhand einer S-Bahn-Fahrt quer durch Berlin aufbaut, mit Abbildungen knapp über Briefmarkengröße auskommen muss, während andere Werke fast auf Seitengröße zweimal im Band abgebildet werden, bleibt schleierhaft (so Wolfgang Tillmann: „Aufsicht III“, 2000; Manfred Pernice: „Untitled“, 2002; Beate Gütschowa: „S#1“, 2004; Fotos aus der Serie „Ein wenig Schnee“ von Ulrike Kuschel, 2001; usw.). Sehr sinnvoll dagegen ist ein Kapitel mit Bildanalysen zu einer ganzen Anzahl von Werken, die diese kompakt erschließen, und eine Chronik, die die Ereignisse und Daten der Jahre 1989 bis 2006 übersichtlich zusammenstellt.

Insgesamt verschafft der Band jedoch einen guten Überblick über ein neudeutsches Kunst-Netzwerk, das sich mit Schwerpunkt Berlin und seiner Galerien-Infrastruktur nach dem Mauerfall in Deutschland gebildet hat. Und es ist anscheinend gerade der Netzwerk-Gedanke, der viel vom Neuen in der Kunst ausmacht, so dass Kunst und Kunstkommerz mit Politik und Gesellschaft verknüpft wahrgenommen und nicht, wie z. B. in den 70er-Jahren oder in der klassischen Avantgarde, unvereinbare Gegensätze postuliert werden.

Ausstellung: Opelvillen, Rüsselsheim bis 2.9.2007.

Von Olaf Selg
















Abb.: Manfred Pernice: Untitled, 2002

Sabine Eckmann (Hg.): Reality Bites. Kunst nach dem Mauerfall. Texte von Diedrich Diederichsen, Sabine Eckmann, Beate Kemfert, Gertrud Koch, Lutz Koepnick, Iain Boyd Whyte u.a. Dt./Engl. Hatje Cantz 2007. 320 Seiten, 210 farbige Abb. ¤ 39,80. ISBN 978-3-7757-1906-3

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