Die Welt reisend aufnehmen und daraus eine Kunst machen, das bedeutet für Franz Ackermann (geb. 1963) „On The Road“ zu sein. Einerseits in der Tradition von Jack Kerouack, andererseits aber nicht völlig dessen Leichtigkeit übernehmen, sondern das Unterwegssein auch als Verantwortung wahrzunehmen. Das Erkunden des (vermeintlich) Fremden führt bei Ackermann zu Kunstwerken – in diesem Fall zwei raumgreifende Installationen aus verschiedensten Materialien –, die beispielsweise versuchen, durchaus kritisch mit dem Verhältnis „arme Welt“ vs. „reiche Welt“ umzugehen. Und es hilft natürlich, wenn man sich als Künstler versteht, der mit technischen Hilfsmitteln oder einem Zeichenblock „mind maps“ anfertigt, um sich nicht in die Horde konsumorientierter, die Notsituation billig und billigend ausnutzender Touristen einzufügen.
Ackermanns Bestreben geht dahin – die Katalogtexte versuchen dies deutlich zu machen – dem gesichteten Elend eine Stimme zu verleihen, und zwar nicht in banaler Anklage oder banal spiegelnder Präsentation. Dass keine reine Spiegelung eintritt, verdankt Ackermann u. a. der merkwürdig pop-artigen Ausfertigung seiner Gemälde, die jeden falschen Betroffenheitsgestus beiseite schieben. Oberflächlich betrachtet – und dies war ja zunächst das erste Ziel der Pop-Art – scheinen sie manchmal nichts als bunte exotische Vielfalt anzubieten. Doch ihr struktureller Aufbau zeigt vielfach eine Art Sog oder Strudel, einen vor jedem Werk zu ergründenden Verunsicherungsfaktor (insbes. in „home, home again“). Oder Ackermann konfrontiert den Betrachter mit zwei- und dreidimensionalen netzartigen Konstellationen/Installationen, wie vor allem in „23 ghosts“, angeregt durch afrikanische „boat people“.
Freilich, so wie der einfache, vermeintlich ignorante Elendstourist immer auch lebenswichtiger Geldgeber sein kann, läuft der Künstler Gefahr, ein egoistischer Ideenausbeuter der Not anderer zu werden. Eine solche Gefahr scheint im vorliegenden Fall jedoch weniger von Ackermann auszugehen. (Er macht sich im Gegenteil gerade dadurch angreifbar, dass er nicht banal-plakativ anklagend arbeitet, sondern das Elend bildkünstlerisch transformiert und es damit jedem Betrachter anheim stellt, inwieweit er auf die realen Hintergründe der Werke rekurriert.) Die Gefahr droht vielmehr von seinen Interpreten, die zum Teil einen Welterkenntnisgehalt in die Werke hineininterpretieren, der sich manches Mal weit über das sowohl oberflächlich Sichtbare als auch hintergründig Erschließbare hinaus bewegt.
Am besten wird man Ackermann dann gerecht, wenn man Oberfläche und Tiefgründiges möglichst so zu benennen versucht, dass sowohl Freiraum als auch Hilfestellung in der Ausdeutbarkeit gegeben wird, und so umschreibt Veit Görner das Vorgehen von Franz Ackermann im Einleitungstext sehr treffend als „politische Erdkunde“.
Von Olaf Selg

Abb.: home, home again (ausschnitt)
Veit Görner, Caroline Käding (Hg.): Franz Ackermann: Home, home again. 23 Ghosts. Texte von Veit Görner, Caroline Käding, Javier Panera Cuevas und Alex Danchev. Dt./Engl./Span. Hatje Cantz 2006. 132 Seiten, 95 farbige Abb. ISBN 978-3-7757-1931-5.