Welche Kenntnis der Künstler Hans Bellmer (1902–1975) vom Beginn der surrealistischen Bewegung hatte, ist unklar. Aber dies ist zunächst weniger wichtig als gewisse Übereinstimmungen in der Lebens- bzw. Geisteshaltung, die ohne Zweifel sofort erkennbar sind: „Wenn er sich einige Hellsicht bewahrt hat, dann kann er nicht anders, als sich nun wieder seiner Kindheit zuzuwenden, die ihm, sosehr sie auch durch die Bemühungen seiner Dresseure verpfuscht sein mag, dennoch als von Zauber erfüllt scheint.“
Diese Worte von André Breton aus dem ersten Surrealistischen Manifest von 1924 über den Menschen im Allgemeinen treffen auf Hans Bellmers inneren wie äußeren Rückzug bei Hitlers Machtantritt im Besonderen zu. Die nationalsozialistischen „Dresseure“ leisten im Deutschen Reich ganze Arbeit und Bellmer beschließt, sich zukünftig aller „gesellschaftlich nützlichen Tätigkeit“ zu verweigern. Er widmet sich stattdessen der zunächst kindlich wirkenden Idee von der Herstellung eines allzeit verfügbaren „Spielzeugs“, eines „künstlichen Mädchens“, einer Puppe. Zwar wird aus der Figur schnell sein persönlicher Fetisch, doch wirkt sie auf den überlieferten Fotos eher wie ein Unfall-, Weltkriegs- oder Folteropfer – zugleich ein Frontalangriff auf die Nazi-Kunstideologie – wie eine erotische Verlockung. Ein Objekt der reinen Lustbetonung stellt sie jedenfalls nicht dar, auch in der Nachfolgepuppe von 1937/38 werden weibliche Rundungen eher zu prallen Geschwülsten fernab der funktionalen Versandhauspuppe heutiger Ausprägung.
Den Weg zur Kontaktaufnahme mit den Surrealisten in Paris und eine begeisterte Aufnahme haben ihm seine diversen fotografischen Inszenierungen mit der ersten Puppe aber geebnet, so dass er 1938 von Berlin nach Paris emigrierte. Sein weiteres Leben und Schaffen verliefen dennoch unter schwierigen Bedingungen, wie eine umfangreiche Chronologie im vorliegenden Band belegt. Anerkennung auch in Deutschland blieb ihm jedenfalls lange versagt. Bis heute?
Nicht nur handwerklich, gerade auch als Zeichner brilliert Hans Bellmer. Detailreich in der Ausführung knüpft er stilistisch etwa an Grünwald, Dürer & Co. an, aber seine Ergebnisse sind ganz andere: exzessive, z. T. drastisch-gewalthaltige Sexualität: von Bellmer sind einige der kunstvollsten gezeichneten Begattungsszenerien und -organe des 20. Jahrhunderts überliefert. Respekt!
Wer sich für Leben und Werk dieses wohl unbekanntesten (deutsch-polnischen) Surrealisten interessiert, wird nicht nur fachgerecht in sein Schaffen eingeführt (Puppenbaukunst, Zeichnung, Fotografie), sondern bekommt auch einige O-Töne von Bellmer zu lesen (dieser Teil fällt allerdings zu kurz aus) – alles in allem ein sehr aufschlussreicher Kunstband.
Von Olaf Selg

Abb.: Die Puppe (1934).
Michael Semff, Anthony Spira (Hg.): Hans Bellmer. Hatje Cantz 2006. 296 S. mit 297 (farb-) Abb. 45 ¤. ISBN 3-7757-1793-5