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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:02

 

I.Mössinger, B.Milde (Hg.): Schrift. Zeichen. Geste: Carlfriedrich Claus

12.01.2006


Sprachblätter
Carlfriedrich Claus (1930-1998) gehört zu jenen Künstlern, die zu Lebzeiten eher zurückgezogen lebten und in der Kunstszene hauptsächlich Insidern bekannt waren.

 

Dies lag zum einen an äußeren Umständen: Claus lebte und arbeitete hauptsächlich in Annaberg / DDR. Die DDR-Kunstpolitik ordnete seine Sprachblätter als "antisozialistisch" und "antihumanistisch" ein. Die Anerkennung im "Westen", seine Freundschaften und seine brieflichen Kontakte mit Künstlern wie Franz Mon halfen Claus da wenig. Eher im Gegenteil: Von der Stasi bespitzelt, wurde seine Post regelmäßig durchsucht und zum großen Teil einbehalten (sein Nachlass enthält trotzdem ca. 22.000 Briefe). 1975 wurde ihm nahegelegt, die DDR zu verlassen.

Zum anderen war Claus ein eher introvertierter Mensch. Im Gegensatz zu anderen DDR-Künstlern wie A. R. Penck war Claus sehr mit seinen Lebens- und Arbeitsumständen verbunden und blieb daher im realsozialistischen Lande. Erst nach dem Mauerfall war es möglich, sein Werk umfassend zu sichten, auszustellen und zu würdigen; Claus wurde mit Aufmerksamkeit geradezu überschüttet, was seinem Wesen allerdings nicht unbedingt entsprach.

Seine akustischen wie bildkünstlerischen Werke kann man als Klang- bzw. Laut- und Sprachbilder oder Schriftwerke auffassen. Schrift und Sprache bzw. Wort und Buchstabe sind Botschaftsträger, Bezeichnendes und Element der experimentellen Gestaltung – Claus über Claus: "Künstlerische Ausbildung habe ich nicht, wollte ich nicht haben. Ich fasse mich auch nicht als 'Künstler' auf, eher als Existenz-Experimentator, als black-box, mit verschiedenen Ein- und Ausgängen, als Experiment aus Experimenten..."

Der Betrachter gerät immer in Versuchung, die z.T. aus sich überlagernden Schichten aufgebauten Werke zu entziffern, dem Bild auch seine literarische Botschaft zu entlocken. Manchmal gelingt es, doch selten führt dies weit. Hier ist assoziatives Wahrnehmen des Ornament- bzw. Zeichenhaften gefragt. Franz Mon schreibt in seinem Katalogbeitrag treffend von "Denklandschaften", was nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch auf die intensiven Entstehungsphasen der Arbeiten von Claus anspielt. Und ebenso gilt, was Claus über Paul Klee schreibt: es entstehen "Uneindeutigkeit, Ambivalenz, die im aufmerksamen Rezipienten Unsicherheit der Gefühle, inneren Zwiespalt erzeugen kann".

Der umfassende Katalog, Ertrag einer Ausstellung in Chemnitz, ist fast schon übervoll mit Bezügen und Verweisen auf andere Bewegungen und (deren) Künstler, die mit Schrift im Bild gearbeitet haben. Dadaismus, Futurismus, Fluxus, Mail-Art, die neugierig-kindliche Entdeckerhaltung (Paul Klee), das Gestische der Durchführung (Jackson Pollock), Raoul Hausmann, Henri Michaux, Cy Twombly, Franz Mon u.v.m. Damit wird zwar reichlich jener "Kontext" angeboten, den der Untertitel des Bandes verspricht. An mancher Stelle hätte man sich aber statt dieser Opulenz lieber Konzentration auf tiefergehende, detaillierter Bezüge zur Entschlüsselung der oftmals hermetischen (Zeichen-)Welt von Carlfriedrich Claus gewünscht, womit der Leser nun manches Mal alleine gelassen wird. Durch diesen Band muss man sich also vor allem durcharbeiten, was sich jedoch in jedem Fall lohnt.

Von Olaf Selg


















Abb.: Klärungsprozeß im Vergessenem, Bewußtseinstätigkeit im Schlaf, Blatt d, 1980.

Ingrid Mössinger, Brigitta Milde (Hg.): Schrift. Zeichen. Geste. Carlfriedrich Claus im Kontext von Klee bis Pollock. Wienand 2005. Geb. 544 S. mit 492 farb- u. 73sw-Abb. 58,00 ¤. ISBN 3-87909-867-0

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