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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:01

 

Stephan Berg (Hg.): Gregory Crewdson 1985-2005.

08.12.2005


Szenen-Fotos erzählen Geschichten

Die Szenerien der Fotos von Gregory Crewdson (geb. 1962 in New York) lassen sich leicht auf amerikanische Filme übertragen; manchmal wirken in seinen Aufnahmen sogar Schauspieler mit.

 

Man muss zwar mögliche Vorbilder nicht unbedingt gesehen haben, der Kenner z.B. von David Lynch oder Stephen Spielberg kann jedoch mit besonderen "Aha"-Erlebnissen beim Betrachten der Bilder rechnen. Im Vorwort des Übersichtsbandes "Gregory Crewdson 1985-2005" heißt es treffend: Crewdson nutzt "Populärmythen des Kinos, um damit die dunklen seelischen Abgründe und geheimen Sehnsüchte seiner Protagonisten visuell zu fassen. So entstehen bestechende Bilder einer in die Bodenlosigkeit der eigenen kollektiv beschädigten Psyche blickenden Gesellschaft."

Die Verbindung mit dem populären Medium Film kann den Rezipienten natürlich sehr leicht dazu verlocken, eigene Bezüge herzustellen. So etwa mit der jüngst in den Kinos gezeigten "History of Violence" von David Cronenberg. Auch dort sitzt die Kleinstadt-Familie am Ende einer über sie hereinbrechenden Gewaltorgie ohne Vater am Essenstisch in ihrer klassischen amerikanischer Wohnidylle - wie auf dem Bild "Plate 73" aus der Serie "Beneath the Roses" (2003-2005). Hier sieht man Mutter und Sohn, zwei verstört und verwirt wirkende, allein gelassene und sprachlose Menschen. Oftmals gilt es Elemente der Irritation in den Bildern Crewdsons zu entdecken - hier: der blutende Braten auf dem Tisch -, die auf eine Untergangsstimmung verweisen, ohne deren Ursprung wirklich offen zu legen. In der Serie "Beneath the Roses" erscheint eine Geschichte auf je ein Bild verdichtet, quasi als Zusammenfassung eines Filmthemas.

Crewdson versucht mit einem beeindruckenden Aufwand und einer Detailversessenheit realistisch wirkende Szenerien einzufangen. Schön ist, dass dieser Inszenierungsprozess gelegentlich im vorliegenden Fotoband mit dem einen oder anderen Blick hinter die Kulissen der Modellbauten vermittelt wird, dass also der Schaffensprozess der Bilder vermittelt wird.

Das Buch zeigt darüber hinaus Entwicklungslinien in Crewdsons Fotografien auf. So wechselt er in seinen Inszenierungen hinsichtlich der Größe der abgebildeten Räume von merkwürdigen Detailaufnahmen aus einer sehr merkwürdigen Fauna und Flora in der Serie "Natural Wonder" (1992-1997) über die Konzentration auf das familiäre Heim in "Early Work" (1986-1988) bis zur jüngsten Serie "Beneath the Roses" (2003-2005), die im gemeinschaftlichen, kleinstädtischen Raum, auf Plätzen und Straßen spielt.
In der Mehrzahl finden sich durchkomponierte, in sich geschlossene Fotos wie Tableaus. Daneben zeigen Totalen scheinbare Momentaufnahmen merkwürdiger Handlungen ("Hover", 1996-1997).

Mehrere fundierte Essays ordnen Gregory Crewdson in die Fotogeschichte ein. Sie grenzen ihn z.B. ab vom realistischen Dokumentarismus eines Walker Evans und zeigen Parallelen zur Inszenierung bei Cindy Sherman oder Jeff Wall. Allen ist gemeinsam, dass sie quer durch Amerika fahren, um ihre Motive zu finden und ihre Phantasien auszuleben.

Anne Göhring / Olaf Selg












Abb.: "Untitled" ("Plate 73") aus der Serie "Beneath the Roses", 2003-2005






Stephan Berg (Hg.): Gregory Crewdson 1985-2005.
Mit Texten von Stephan Berg, Martin Hochleitner und Katy Siegel.
hatje cantz 2005.
Dt./Engl. Geb. 248 Seiten, 131 farbige Abb. 45,00 ¤,
ISBN 3-7757-1622-X

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