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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:05

 

Patricia Drück: Das Bild des Menschen in der Fotografie - Thomas Ruff

27.10.2005

"Personen wie Gipsbüsten"

Ich wurde fotografiert, also bin ich. Oder zumindest war ich mal. Das Porträtfoto dient, stärker als jedes gemalte Porträt, gerne auch als Existenz- und Identitätsbeweis. Aber wie funktioniert es, was zeigt es wirklich?

 

Patricia Drück hat in ihrem Buch "Das Bild des Menschen in der Fotografie. Die Porträts von Thomas Ruff" zwar einen Schwerpunkt auf das Werk von Thomas Ruff gelegt, stellt dies aber keineswegs isoliert dar. Wie in jeder ordentlichen Dissertation – und der vorliegende Band ist die "geringfügig überarbeitete Fassung" einer solchen – wird das Thema historisch hergeleitet und werden Ruffs Arbeiten im zeitgenössischen künstlerischen Umfeld der 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts diskutiert; zu nennen sind u. a. Thomas Struth, Roland Fischer und Günther Förg sowie als Lehrer Bernd und Hilla Becher.

Patricia Drück hätte sich aber durchaus mehr von ihrer unverkennbar universitären Ursprungsleistung lösen dürfen. So ist das Buch – typisch Dissertation – beispielsweise dermaßen fußnotenlastig, dass man hier schnell aufgibt, diese auch alle nachzuschlagen. Hinzu kommt, dass bei der vorliegenden Dichte der Fakten und Schilderungen ein spezielles Fachwissen und -interesse vorausgesetzt wird, um allen Ausführungen folgen zu können, was natürlich den Experten mehr freuen wird als den interessierten Laien.

Die Materie der Porträtfotografie wird von Drück in ihren Facetten umfassend aufgearbeitet. Und mit Thomas Ruff hat sich die Autorin einen Fotografen ausgesucht, der das Massenpublikum nicht verschreckt, bei dem man im Umfeld seiner ausgestellten Bilder gerne mal zu hören bekommt: "Mensch Mutti, das kann ich aber auch." Ein klarer Fall von Denkste!, wie das von Drück analysierte "Bildkonzept" der Porträts von Ruff zeigt. Sie bescheinigt den großformatigen Fotos u. a. "denkmalhafte Eigenschaften", einen "überzeitlichen Charakter" bzw. die "Loslösung aus Zeit und Raum" und ein "nüchternes Pathos". Dies mag beim Betrachter zu dem falschen Eindruck führen, Ruffs Arbeiten seien ‚keine Kunst’.
Insgesamt ist Patricia Drücks Bild des Menschen in der Fotografie für jeden interessant, der sich intensiv mit der Entwicklung der (großformatigen) Porträtfotografie in Deutschland Ende des letzten Jahrhunderts auseinander setzen möchte.

"Das Gesicht in der Kunst der 1980er-Jahre wird auffallend oft frontal gezeigt. Gleichzeitig wird es monumentalisiert und füllt dabei fast die gesamte Bildfläche aus, so dass Kopfdarstellungen von bisher unbekannten Dimensionen entstehen. Gesichtsoberflächen werden dem Betrachter preisgegeben, die von der Person nichts als das blanke Gesicht enthüllen – die ganze Person ist geradezu "Gesicht", steht lesbar vor dem Betrachter, ohne jedoch ein Gegenüber zu sein. Das Gesicht wird gerade nicht destruiert, verzerrt oder zerschnitten, vielmehr beruft man sich auf eine Erfahrung von Facialität, die sich dem Prozeß der Codierung oder Verschriftlichung widersetzt."

Von Olaf Selg


Patricia Drück: Das Bild des Menschen in der Fotografie.
Die Porträts von Thomas Ruff.
Dietrich Reimer Verlag 2004.
Geb. 328 S. mit 39 Farb- und 34 sw-Abb. 49,00 Euro.
ISBN 3-496-01310-9

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