So wirft denn die Kombination aus Bild- und Essayband mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Dies kann durchaus das Ziel der essayistischen Auseinandersetzung sein, wie sie im Wechselspiel von Dieter Fuders Text und den Abbildungen vorgenommen wird: "Vom Anblick des Gesichts können wir nicht absehen. Nicht vom eigenen und nicht von dem anderer. Gesichter sind unausweichlich. Unser Gesicht müssen wir sein. Und wollen wir nicht in kommunikativer Indifferenz leben, können wir uns Gesichtern nicht nicht aussetzen. Wir können uns Gesichtern nicht verschließen."
Vorausgesetzt, wir gehören zu denjenigen, die sehen können. Und wir haben nicht mit Hilfe einer Schönheitsoperation dem "Unser-Gesicht-sein-müssen" ein Schnippchen geschlagen. Ist der Mensch also nicht mehr der gleiche Mensch, wenn er sein Gesicht verliert, und zwar nicht nur bildhaft, sondern organisch, etwa durch einen Unfall? Und was sagen blinde Menschen zur Dominanz der Wahrnehmung eines Menschen oder auch seines Gesichts rein über das Auge, das Sehen?
Das Gesichter-"Bilderbuch" wirkt wie eine Etüde, weist mit dem, was es anspricht, ebenso wie mit dem, was es auslässt, eigentlich sofort über sich hinaus und offenbart ein großes Potential zu einem interdisziplinären Projekt. Viel mehr als ein Essay, viel mehr als ein "Versuch" über das Gesicht und seine Bedeutung - sowohl im direkten zwischenmenschlichen Kontakt als auch in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen in der Kunst - erscheint möglich. 30 s/w-Abbildungen aus mehreren Jahrhunderten bestärken diesen Eindruck, illustrieren sie doch anschaulich, wie unterschiedlich ein "Gesicht" dargestellt werden kann in der Spannbreite zwischen Genauigkeit und reiner Zeichenhaftigkeit. So hätte es auch in dem vorliegenden Band schon den einen oder anderen längeren Text mehr geben dürfen, wird man mit seiner für das Thema geweckten Neugierde vorschnell alleine gelassen.
Wenn also auch ein leichtes Gefühl der Unzufriedenheit nach dem Durchblättern und -lesen bleibt, so gibt es trotzdem einen guten Grund, das Buch zu kaufen: Das Projekt unterstützt den Verein Gesicht e.V. zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit angeborenen Fehlbildungen des Gesichtes. Wie heißt es am Ende: "Eine gute Idee hat ein schönes Gesicht bekommen."
Von Olaf Selg

Abb.: Andy Warhol: Vorher und Nachher, 1963
Helfried Hagenberg (Hg.): Gesicht. Ansichten über das Ungleiche aus ästhetischer Sicht. Text-/Bildband. Wienand. 2005. Geb.88 Seiten. 19,80 ¤. ISBN 3-87909-850-6