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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:03

 

T. Vischer und H. Naef (Hg.): Jeff Wall

13.10.2005

Besonderes Kennzeichen: überdimensionale Dia-Leuchtkästen

Beim Steidl-Verlag ist in Zusammenarbeit mit dem Schaulager Basel ein Werkverzeichnis des Fotografen Jeff Wall erschienen, das eine wegweisende Grundlage für die zukünftige Auseinandersetzung mit seinem Werk bildet.

 


Was will dieser Sweatshirt-Typ sein? Ein Fotograf? Bekannter Künstler gar? Nun gut, als das Foto 1979 entstand, sahen viele Menschen ähnlich schlimm aus und das massenhafte So-Aussehen ließ und lässt schwerlich auf Beruf oder Berufung schließen. Aber würde man gerne in dem leeren Sitzmöbel Platz nehmen, mit diesem jungen Mann im Genick? Und dazu auch noch flankiert von seinem ebenso milchgesichtigen Double an der Wand?

Es ist ein solches Moment der Irritation in einer zunächst banalen, alltäglichen Kulisse, auf das Jeff Wall in seinen kalten, wie eingefroren wirkenden Szenerien - quasi überdimensionale Still-Leben mal mit, mal ohne menschliche Figuren - gerne zurückgreift. In diesem Bild macht der 1946 in Kanada geborene Maler, Bildhauer und studierte Kunsthistoriker dem Betrachter mit der Doppelung seines Selbstporträts die Entlarvung als Inszenierung noch relativ einfach. In den meisten seiner fotografischen Werke aber nicht. (Abb.: Double Self-Portrait, 1979)

Perspektive, Lichtinszenierung und Anordnung der Figuren sind bei Wall niemals dem Zufall überlassen. Er ist in der Ausführung seiner Arbeiten das Gegenteil eines journalistischen bzw. dokumentarischen oder Snap-shot-Fotografen, auch wenn er in seiner Bildaussage wie diese zu wirken vermag: Wall beherrscht das gezielte Arrangement so perfekt, dass man es beim ersten Betrachten im Idealfall gar nicht bemerkt. Seine Fotos sind also zumeist gestellt und werden z. T. (digital) nachbearbeitet. Auch dies mag man bei manchen seiner Aufnahmen gar nicht glauben, bei anderen wiederum ist es augenfällig.

Walls ureigentliche Besonderheit aber sind großformatige Diapositive in Leuchtkästen von 2 x 3 Metern und größer. Anders als bei "normal" präsentierten Fotografien strahlen diese also von innen heraus. Walls Fotoleuchtkästen ziehen den Betrachter quasi an, entwickeln einen eigentümlichen Sog; die Effekte der Größe und dieser speziellen Leuchtkraft kann der vorliegende Band natürlich nicht erreichen. Allerdings: Walls Bildkästen werden im Gegensatz zu den Fotos anderer Fotografen nicht in einer größeren Auflagenzahl publiziert, oftmals sind seine Werke, wie auch die Bilder vieler Maler, Unikate. Der Foto-Bildband bietet also die Möglichkeit, seine weit verteilten Fotokästen jenseits von dem Ort, an dem sie installiert sind, kennen zu lernen.

Die Leuchtkastentechnik brachte Jeff Wall in die Nähe der Pop-Art, aber außer diesem Aspekt hat er in seinem künstlerischen Schaffen kaum etwas mit ihr gemeinsam. Zu wenig glamourös, zu dinglich-unterkühlt, zu unnahbar-gestellt wirken bei aller inszenierten Lebensnähe seine Fotos.

Jean-Francois Chevrier arbeitet in seinem einführenden Aufsatz verschiedene Maler wie Edouard Manet und Eugène Delacroix als vorbildlich für einige von Walls kompositorischen Arrangements heraus. Sehr wertvoll ist diesbezüglich die ergänzende Bebilderung im umfangreichen und detaillierten Werkverzeichnis, in dem auch Probe- und Produktionsaufnahmen dokumentiert sind. So wird darüber hinaus an einigen Werken beispielhaft die Entstehung der Elemente der Irritation enthüllt.

Weitere Essays und ergänzende Äußerungen zu einzelnen Werken von Wall selbst sowie ein Ausstellungs- und ein Literaturverzeichnis komplettieren das umfassende Werkverzeichnis der Jahre 1978 - 2004, also nahezu die gesamte Zeit von Jeff Walls fotografischem Schaffen. Da hier in Zusammenarbeit mit ihm u. a. Bildtitel, Datierungen, Technik und Maße seiner Arbeiten überprüft und ggf. neu bestimmt wurden, dürfte der Band in Zukunft maßgeblich sein für die Beschäftigung mit der Fotokunst von Jeff Wall.

Von Olaf Selg











Abb.: Jeff Wall: A man with a rifle, 2000




Theodora Vischer und Heidi Naef (Hg.): Jeff Wall: Catalogue Raisonné 1978-2004.
Mit einem Essay von Jean-François Chevrier.
Steidl 2005.
492 S. mit 120 Farbtafeln und 92 Marginalabbildungen.
80,00 Euro.
ISBN 3-86521-167-4.

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