Wer in Berlin in einem oberirdisch fahrenden Verkehrsmittel sitzt, hat immer wieder Gelegenheit, sie zu studieren: über Nacht auftauchende Street Art. Mit Pflastermalerei etwa, wo der Passant das Entstehen en passant mitverfolgen und auch pekuniär honorieren kann, hat die hier gezeigte Form von Straßenkunst aber wenig gemeinsam, eher mit der Sprayer-Szene: die Straßen- und Wandkünstler kommen heimlich. Im Schutz der Dunkelheit bringen sie ihre Werke an, bekennen sich zwar per Decknamen oder Kürzel, wollen aber unerkannt bleiben, sonst droht Ärger mit den Besitzern der umgestalteten Flächen. Die Bilder sind auch nicht ähnlich biologisch abbaubar wie Straßenkreide, wirken aber ebenfalls nicht so umweltschädlich wie viele Sprayerbilder. Denn die Street Art, um die es hier geht, wird oftmals auf Papier vorgefertigt und dann aufgeklebt. Es sind Fotokopien, Packpapier, Tapetenbahnen, Kleister, Klebezettel und ggf. Sprühschablonen, mit denen gearbeitet wird. Die Künstler scheinen vielfach an einer nachdenklich machenden oder augenzwinkernden Pointe interessiert, ihre Bilder wirken ganz anders, als das oftmals nichtssagende Geprotze in sämtlichen Regenbogenfarben, das in der Graffitiszene um sich gegriffen hat.
Der Fotograf Sven Zimmermann hat eine schöne Sammlung zusammengestellt und sorgt mit seinem Fotoband zugleich dafür, dass die dem langsamen Zerfall preisgegebenen Bilder dauerhaft erhalten bleiben. Das Notizblockformat des Fotobands ist ungewöhnlich klein, es wirkt wie ein begleitendes Understatement zum Inhalt: hier geht es nicht um so genannte große oder hohe Kunst, hier geht es um eine neuere Form von Alltagskunst.
Da denke ich also jetzt schon fast an Weihnachten und sage: ein schönes, inspirierendes und erschwingliches Geschenk etwa für jeden Kleinstädter, der in gepflegter Vorgarten- und Rosenzüchteratmosphäre leben muss.
Von Olaf Selg
Sven Zimmermann: Berlin Street Art.
Fotoband mit einem Kurztext in dt. u. eng.
Prestel Verlag 2005.
17 x 12 cm. Geb. 96 Seiten mit 150 Farbabb. 14,95 Euro.
ISBN 3-7913-3466-2