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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:02

 

Robert Frank: Storylines.

02.06.2005

 
Existenzielle Fotografie

Für den Fotografen Robert Frank sind nicht Glamour und Hochglanzoberfläche wichtig, sondern die Verknüpfung von eigenem Erleben mit einem dokumentaristischen Aspekt.

 

Schlagartig in den USA bekannt wurde Robert Frank 1958 mit seinem Bildband The Americans. Das Besondere an ihm war sein europäisch geprägter Blick auf die amerikanischen Verhältnisse. Denn Frank wurde 1924 in der Schweiz geboren, absolvierte dort zunächst eine Fotografenlehre und ging dann 1947 nach New York. Dort arbeitete er u. a. für „Harper's Bazaar“. In den folgenden Jahren führten ihn Reisen durch Nord- und Südamerika sowie Europa; seit 1970 hat Robert Frank Wohnsitze in den USA und in Mabou/Kanada.

Der überraschend große Erfolg des Bildbands wirkte für ihn bezüglich seiner weiteren fotografischen Tätigkeit eher bremsend, er suchte sich ein neues kreatives Betätigungsfeld. Ende der 50er-Jahre begann Frank sich auch einen Namen als Avantgardefilmer zu machen. Sein erster längerer Film „Pull my Daisy“ entstand 1959 in Zusammenarbeit mit den Beatniks A. Ginsberg und J. Kerouac. Frank gilt, zusammen mit J. Mekas und G. Markopoulos, als Begründer des New American Cinema.

Schwere Schicksalsschläge begleiteten Franks künstlerischen Werdegang: Seine Tochter Andrea kam bei einem Flugzeugunglück ums Leben, sein Sohn Pablo nahm sich das Leben. So verwundert es nicht, dass die Resultate seiner künstlerischen wie auch seiner bildjournalistischen Tätigkeit selten eine heitere Stimmung transportieren.

Ausdrucksstarke Fotografie

Gerne werden Franks fotografische Arbeiten als „poetisch“ bezeichnet. Nun darf man sich getrost fragen, was damit gemeint ist. Genau übersetzt heißt „poetisch“ „dichterisch“, im übertragenen Sinn „bilderreich“. Beides wäre keine echte Bereicherung bezüglich der Beschreibung von Robert Franks Stil; gemeint ist möglicherweise auch „gefühlvoll“, richtig ist: sie sind ausdrucksstark.

Franks Bilder wirken ungestellt, seine Protagonisten erscheinen ungekünstelt, die Orte nicht wie Kulissen, sondern authentisch. Cleane Hochglanzfotos sind seine Sache nicht. Franks Fotografien halten oftmals einen Moment der Anspannung in einem ablaufenden Geschehen fest. Ihre Dynamik beziehen seine Bilder für den Betrachter also u. a. aus der offenen Frage, was wohl als nächstes geschehen mag – was das Foto aber nicht mehr zeigt. Vielleicht aus diesem Grund und mit seinem Background als Avantgardefilmer hat Frank dann auch, beeinflusst durch den Schweizer Jakob Tuggener (1904–1988), zunehmend das serielle Fotografieren für sich institutionalisiert: die Dynamik liegt nun in der sichtbaren Abfolge des Geschehens. Das Spannungsmoment liegt hier weniger im nicht (mehr) Gezeigten als vielmehr in der erzählerisch angelegten Abfolge des tatsächlich Gewesenen.

Die im vorliegenden Band versammelten Aufnahmen von 1948 bis 2004 geben eine kompakte Übersicht. Die Formate wechseln zwischen ganzseitigen Abbildungen und Kontaktabzügen, und gerade letztere verleihen Storylines auch einen work-in-progress-Anstrich. Ein einführender englischsprachiger Essay von Ian Penman ergänzt die Präsentation der Fotos.

Olaf Selg



Robert Frank: Storylines.
Steidl 2005.
Flexibler Kunststoffeinband. 208 Seiten mit 225 Duotone und 25 Farbabb. Engl.
35,00 Euro.
ISBN 3-86521-941-4




Bild: New York Bus 1958

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