Wozu die ganze Aufregung? Diese Frage stellt sich nach der Lektüre des noch unveröffentlichten Walser-Romans "Tod eines Kritikers". Ein tollkühnes, politisch und literarisch höchst fragwürdiges Stück Sommertheater hat FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher vor einer Woche inszeniert, als er in einem offenen Brief die Verweigerung des Vorabdrucks großformatig bekannt gab. "Ich war so angewidert von diesem Buch, dass ich nach der Lektüre nicht einmal mit dem Autor telefonieren konnte", so Schirrmachers nachgelieferte Begründung für seinen Ausbruch in die Öffentlichkeit. Ein Telefonat von Frankfurt zum Bodensee hätte uns diese von persönlichen Animositäten geprägte, in aller Öffentlichkeit ausgetragene Dreier-Fehde ersparen können. Letztlich alles eine Frage des Stils!
"Antisemitische Tendenzen" wollte Schirrmacher aus dem Manuskript heraus gelesen haben und lieferte einen feuilletonistischen Nachschlag für den "Fall Möllemann". Damit lag er ebenso weit daneben wie Marcel Reich-Ranicki im letzten Jahr mit ähnlich absurden Anschuldigungen gegenüber Thomas Hürlimanns Roman "Fräulein Stark". So lässt sich Schirrmachers kaum nachvollziehbares Urteil nur noch als vehemente Parteinahme für seinen FAZ-Ziehvater Marcel Reich-Ranicki deuten, der für Walsers Romanfigur André Ehrl-König (ziemlich ungetarnt) Pate stand.
Ein Literaturkritiker mit ungeheurer Macht und regelmäßiger TV-Präsenz; ein Mensch, der aus dem Bauch heraus urteilt, der das Bonmot der präzisen Analyse vorzieht, der die Literaturkritik zur Bühne der Selbstdarstellung umfunktioniert und der massenweise selber Bücher produzierte, "allerdings keine geschriebenen Bücher mehr, sondern gesprochene". Die Schilderung einer solchen Figur ist (bei aller Ähnlichkeit zu Reich-Ranicki) weder ehrenrührig noch unmoralisch. Deswegen erscheint auch Reich-Ranickis Forderung nach einem Veröffentlichungsverbot des Romans überzogen.
Hat der Frankfurter Literaturpapst (und mit ihm Schirrmacher) möglicherweise den Text nicht als Kunstform, sondern als 1:1-Darstellung der Realität gedeutet und somit auch Romanfiguren mit Martin Walser identifiziert oder gar verwechselt? "Unterpointieren liegt mir nicht", macht sich Walser in seinem Roman selbst einen Satz zu eigen, den er Ehrl-König (MRR) zuschreibt. Er übertreibt maßlos, gibt Reich-Ranickis eigenwilligen Sprachgestus der Lächerlichkeit preis und suggeriert, dass dessen TV-Erfolg in hohem Maße von seinen Marotten beeinflusst wurde.
Starkritiker Ehrl-König ist eines Tages nach einem bejubelten Fernsehauftritt spurlos verschwunden. Zurück geblieben ist nur sein blutverschmierter gelber Cashmere-Pullover, der (wie sonst nur bei Fußballtrainern üblich) als eine Art Talismann fungiert. Ausgerechnet am Abend vor Ehrl-Königs Verschwinden hat ihm der zuvor im Fernsehen geschmähte Schriftsteller Hans Lach Rache geschworen und gerät dadurch unter Mordverdacht.
Stellenweise gelingen Walser herrlich amüsante Schilderungen über den Literaturbetrieb, über Intrigen, Eitelkeiten, Absprachen und Futterneid. An anderen Stellen hingegen fühlt man, dass dieser Roman nicht mit dem kühlen Kopf eines versierten Autors, sondern mit der "heißen Nadel der Abrechnung" geschrieben wurde. Personen, die sich am Anfang der Handlung mit dem vertrauten "Du" begegnen, bevorzugen einige Seiten später wieder das distanzierte "Sie", ein Kriminalkommissar betätigt sich in seinen Ermittlungen mehr als philosophierender Lach-Interpret denn als an den Fakten orientierter Kriminalist. Hätte der gefundene Pullover, Ehrl-Königs Verschwinden und Lachs Drohung überhaupt für eine Inhaftierung des Autors ausgereicht? Wohl kaum!
Martin Walsers romanhafte Abrechnung mit Marcel Reich-Ranicki wimmelt von realen Figuren aus der Literaturszene (namentlich genannt werden von den zeitgenössischen Autoren u.a. Philip Roth, Botho Strauß, Hans Magnus Enzensberger, Peter Handke, Günter Grass und Rolf Hochhuth) und einigen mäßig verschleierten Handlungspersonen, hinter denen sich Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, dessen Gattin Ulla Berkéwicz, Ruth Klüger und Walter Jens erkennen lassen.
Vor allem kocht Walser zwischen den Zeilen auch noch einmal den alten "Quartett-Streit" zwischen MRR und Sigrid Löffler auf, in dem das Denken und Handeln seiner Romanfigur Ehrl-König fast ausschließlich libidofixiert ist. In diesem Zusammenhang paraphrasiert er (durchaus humorvoll) all die gegen seinen letzten Roman "Der Lebenslauf der Liebe" ins Felde geführten Vorwürfe.
Des Rätsels Lösung hat auch mit Sex zu tun. André Ehrl-König taucht am Ende putzmunter (am Rosenmontag) wieder auf. Er hatte sich eine Auszeit mit der jungen Dichterin Cosima von Syrgenstein gegönnt. Hat Walser auch hier eine reale Figur als Vorbild im Hinterkopf oder lebt er nur Altmännerfantasien aus? Auf der Strecke geblieben ist derweil der mächtige Verleger Pilgrim (er starb eines natürlichen Todes), dem Ehrl-König (am Aschermittwoch) die Grabrede halten wird. Aber am Aschermittwoch ist bei Walser längst noch nicht alles vorbei. Seine bitterböse literarische Büttenrede endet damit, dass Ehrl-König von Queen Elizabeth in den Adelsstand erhoben wird und diese Auszeichnung "stellvertretend für Shakespeare" annimmt.
Das ist nicht etwa "überpointiert"; hier begibt sich Walser auf jenes sprachliche Terrain, das er bei MRR so leidenschaftlich kritisiert - der klare Gedanke weicht dem Kalauer. Und am Ende fragt man sich händeringend, ob Walser stärker im Ich-Erzähler Landolf, im zwischenzeitlich inhaftierten Lach oder in dessen Schriftsteller-Kollegen Greiff steckt? Sie alle marschieren in einem gedanklichen Gleichschritt, bilden eine undifferenzierte Anti-Ehrl-König-Fraktion.
Dieser Roman und seine hochgekochte Vorabdiskussion lässt nur Verlierer zurück: FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat sich mit seinen Äußerungen einen Bärendienst erwiesen, Marcel Reich-Ranicki muss sich fragen lassen, ob er es immer so ernst gemeint hat, mit der von ihm propagierten Freiheit der Kunst, Martin Walser hat seiner Reputation mit dieser emotional überladenen Romanabrechnung heftig geschadet, und der Leser kann allmählich den Glauben an einen halbwegs demokratisch funktionierenden Buchmarkt verlieren.
Irgendwie erinnert der "Fall Walser" an die 1990 ausgetragene Sommerloch-Debatte um Christa Wolfs Nachwendebuch "Was bleibt?" Heute wie damals wird ein eher belangloses Buch zum Politikum aufgebauscht und ein Sturm im Wasserglas entfacht. Die Literatur wird zusehends personalisiert und droht zum Medienspektakel zu verkommen.
Inzwischen hat der Suhrkamp Verlag erklärt, dass das Buch am 26. Juni in den Buchhandel kommt.
Peter Mohr
Martin Walsers: Tod eines Kritikers.
Suhrkamp Verlag