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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 06:42

Peter Rühmkorf: Paradiesvogelschiß

30.06.2008

Ein Totentänzchen geschafft

Paradiesvogelschiß heißt der letzte Gedichtband Peter Rühmkorfs. Kurz nach der Publikation ist der Achtundsiebzigjährige im Juni gestorben. Als seine lyrische Abschiedsvorstellung war das Buch wohl auch gedacht. Neben letzten Gedichten enthält es vornehmlich gereimte und ungereimte Selbstgespräche und Merkverse, Sentenzen und Aphorismen aus dem Nachlass zu Lebzeiten des Dichters von ihm selbst seiner Werkstatt entnommen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Möglicherweise ist es der lebensspendende Trost, als Schmerzensmann öffentlich wahrgenommen und vielleicht sogar bewundert zu werden, was in den letzten zwei Jahren drei unserer Autoren dazu gebracht hat, beim Umgang mit „dem eigenen Tod“ (Rilke) den Schutz der Selbstdiskretion zu verlassen und sich demonstrativ zu öffentlich Sterbenden zu machen und auf dem Marktplatz des Literaturbetriebs die Chronik ihres angekündigten Todes zu Ende zu führen. Früher, als sie noch mehr an die Nach- als an die Mitwelt glaubten, starben unsere Dichter diskreter (& für sich). Heute vor unseren Augen & für uns?
Robert Gernhardt hat seine Krebserkrankung sogar noch bedichtet und bis zum Gehtnichtmehr an einem opus posthumum gearbeitet, Walter Kempowski hat Interviewer empfangen und letzte Hand an letzte Werke gelegt. Und Peter Rühmkorf? Er hat aus seinem ungeordneten Nachlass von zahllosen Notizblättern noch zu seinen Lebzeiten eine erste Auswahl von Fragmenten nach eigenem Gusto zusammengestellt – zu einem Abschiedspotpourri seiner unerledigten poetischen Möglichkeiten. Und dann die Interviewer empfangen, mit denen er seine öffentliche Biografie ein letztes Mal durchnahm.

Peter Rühmkorfs Paradiesvogelschiß enthält neben der den Titel interpretierenden Ballade eine Reihe von Gedichten, die alles in allem poetisch nicht auf der Höhe oder besser nicht von der brillanten Dichte sind, zu der er einmal fähig war. Ob er da nicht sogar das eine oder andere Gedicht, das der dialektische Virtuose unter unseren lyrischen „Wortmetzen“ seinen früheren Sammlungen zurecht vorenthalten und unter Verschluss gehalten hatte, nun beim Auf- und Zusammenkehren zum Ultimo zwecks Ausfütterung des schmalen Bestands doch noch aufgenommen hat?
Fragen darf man sich das – ohne dem zurecht allseits verehrten, bewunderten und gar geliebten Autor einen Tort anzutun; aber besser ist´s wohl, sich solche Fragen zu stellen, wenn er sie nicht mehr hört. Es ist ja sowohl ein Elend wie nicht ganz unüblich bei Künstlern und anderen Menschen, dass einem im Alter (aus vielerlei Gründen) das einst so leicht und herrlich Gelungene nicht mehr so leicht von der Hand geht oder sich einstellt.

Wenn ich mich nicht täusche, war Rühmkorfs literarische Haupt- & Goldader, die lyrische Poesie-Produktion, der er bis zur Jahrtausendwende rund drei Jahrzehnte lang die schönsten, filigranhaft-robust-gewitztesten Gedichtgeschmeide abgewonnen hatte, zwar nicht versiegt, aber doch dünner geworden. „Dein Feld wird schmaler. // Früher die ganze Flur / Dir zu Belieben / fast eine Furche nur / ist dir geblieben”, lautete der selbstkritische Befund nun im Paradiesvogelschiß. Aber der Wunsch bleibt: “Nach vielen -- und Girlanden / noch einen richtigen Treffer landen. / Doch täusch dich nicht, die einfachen Sachen / werden auch nicht gerade besser verstanden.“
Auch die einleitende Ballade von dem Gewächs, das einem Paradiesvogelschiß in des Dichters Garten entwuchs, bis es „mein Haus in den Schatten stellte“, wirkt arg konstruiert, wenn vom Rascheln der „blechernen Blätter“ die Rede ist, die zuvor eher „bleiern” aussahen, und dann unter „Geschepper, Geklepper, Geklimper, Geklirr” sich der Baum, eher wie ein umgestürzter Geschirrschrank, seiner „gesammelten Blätterlast” entledigt und den „ungläubigen Buchstabendruckser“ über das unverhoffte Geschenk belehrt: „Weil auf jedem Blatt steht ein goldener Spruch / in privater Geheimschrift geschrieben. / Und wenn du sie einsäckelst Fitz für Fitz, / selbst die schrägen und scheinbar verrenkten, / und es mangelt dir eines Tages an Witz, / dann greif nur zurück auf deinen Besitz, / und es knattern wie eh die Poengten ... // Und genieß dich getrost als Beschenkten!”

Derart poetisch selbst ermächtigt („Weil auf jedem Blatt steht ein goldener Spruch“), öffnet der Todkranke das Arsenal seiner poetischen Fundstücke, Einfälle, Selbstgespräche und Improvisationen, die er sich (ein Messie der Wort- & Gedankenklauber- samt Reimerei) über die Jahre hin angelegt hatte – wie der früh verehrte, ihm in vielerlei literarischer Haushälterei verwandte Prosaexperimentator Arno Schmidt seine Metaphern & „Wortkonzentrate”. Allerdings nicht systematisiert in „Zettelkästen” wie dieser, sondern eher wie beider übergroßer Vorläufer Jean Paul, je nach momentanem Einfall „Fitz für Fitz” bloß aufs Papier geworfen: zur möglichen späteren Verwendung.

Dieser Mittelteil von Paradiesvogelschiß ist das Schönste und Bewegendste dieser Ausgabe poetischer Werke letzter lebender Hand Peter Rühmkorfs. Zum einen zeigt sie uns, anhand zweier, die Notizen umrahmender (oder umarmender?) Faksimiles den Dichter bei der Arbeit an getippten und handschriftlich durchkreuzten Gedichtentwürfen. Dass und wie sehr, weitläufig, zäh, umständlich, ausgefeilt Poesie „gemacht” und „ein genuines geistiges Verfassungsorgan des Dichter-Ichs” ist und nicht priesterlich empfangen wurde, demonstriert ad oculos Peter Rühmkorf noch einmal seinen Lesern. (Er hatte ja schon die langwierige Genese von „Selbst III/ 88“, also einen ausführlichen Arbeitsnachweis seiner lyrischen Produktion, in dem über 700 DIN-A4-seitigen gleichnamigen Faksimile-Band 1989 dokumentiert.)

Zum anderen folgt dann aber auf 75 Seiten so etwas wie der Skizzen-Nachlass von Peter Rühmkorf zu Lebzeiten in Form von gereimten oder rhythmisierten Merk- & Denksprüchen, Gedichtfragmenten und -gerüsten, Aphorismen und Metaphern. Ein weites Feld voller oft nur kieselgroßer Einfallsfindlinge. Ernst und Jokus, Vanitas und Sexus, Todestraurigkeit und Lebensfreude, Betrachtungen und Sottisen zu Jugend und Alter, schillernde Reflexionen über Intimstes und Öffentliches, Sentenzen zur Poesie, Politik und Gesellschaft. Und fast immer knallen die Pointen, denn der spitze Witz war Rühmkorfs Domäne, nicht der witzelnde Humor Gernhardts – wenngleich zum Beispiel „Um das zu tun, / was jeder tut, / braucht es nicht gerade Heldenmut” oder „Bei dem kleinen Botengang / Ward mir vor den Goten bang –“ auch auf Gernhardts Mist hätte gewachsen sein können.

Öfter kräht aber Rühmkorfs poetischer Hahn „heinesch”: „Mancher hält es für tief, / wenn irgendein Mumpitz gedacht wird – / Mir scheint ein Kuß schon als Superlativ, wenn er mir entgegengebracht wird” oder „Sie sprach: Ich hab dich zum Heiraten gern, / (hochhoben die Vöglein piepten) / doch halte ich mich lieber fern / von unpraktischen Geliebten.” Und: „Was später kommt, wird dich womöglich erschrecken, / ein Jenseits gar in Muselmanenecken, / deshalb beschwör ich dich, statt dich dort oben / heut vorsichtshalber noch auf Erden auszutoben” – was er ja weidlich getan hat.
Vor allem wird der Leser, den vieles hier entzückt und manches auch verwundert, falls er nicht hier und da den Kopf schüttelt, jedoch ernstlich in Betracht ziehen müssen, dass der „Späte Rühmkorf” und nicht ein fremder Editor diese „Blütenlese” vorgenommen hat und uns mit seinem ausgewählten Florilegium eine letzte Einsicht in seine eigenste (& letzte) Befindlichkeit übermitteln will. Das heißt: nicht nur lichtenbergianische „Sudelbuch”-Trefflichkeiten wie „Jungfrauen sparen ihre Unschuld für Unholde auf”, „Der Geschlechtstrieb ist ja nicht unbedingt liebenswürdig”, „Ein blutunterlaufener Landstrich”, „Er geht zu Leichenfeiern nur für Honorar”, „Ein verblaßter Lichtblick”, „Vollkommen durchgelegene Symbole”, „Liebesgelächter” oder „Ich bin in keine Schule gegangen / außer durch meine Irrtümer”. Sondern auch explizit politische Statements wie: „Von einer gewissen Gehaltsstufe an / beginnt der Klassenkampf”, „Sie halten für individuelle Freiheit, / was eigentlich nur asoziales Verhalten ist”, „Der Kapitalismus frißt seine Kundschaft” oder „Klassenkampf wird von oben geführt. >Neiddiskussion<“.
Beim letzthändigen Bilanzieren seiner unerledigten Hinterlassenschaften erinnert Peter Rühmkorf sein Publikum daran, dass dem Poeten, der nach der selbst gesetzten Losung „Bleib erschütterbar und widersteh” gelebt hat, die politischen und gesellschaftlichen Weltläufe bis zuletzt (wie am Anfang seiner poetisch-kritischen Wortmeldungen in „Leslie Meiers Lyrikschlachthof” des „Studentenkuriers”, nachmals „Konkret”) nicht gleichgültig geworden sind.

„Rückblickend mein eigenes Leben” (mit diesem späten Gedicht eröffnet er den dritten Teil von Paradiesvogelschiß, in dem er letzte ausgeführte Gedichte sammelt) steuert auf eine illusionslose Bilanz zu: „Manches hält man natürlich nur aus, wenn man weiß, / dass man sich bereits auf der Rückfahrt befindet. (...) Sage beim Abschiednehmen gern einfach / >Halten Sie die Stellung<, / was im allgemeinen begrüßt wird - / O b w o h l S i e ? / D i e S t e l l u n g ? / H a l t e n ? / Wo die Erde bereits wie ein durchgedrehter Brainburger / durch die große kapitalistische Imbißbude saust, / rasend, / rotierend, / dem Selbstverzehr entgegen, / bis der letzte Biß und der letzte Schiß in einem Reim / zusammenfallen / und die Führung endgültig an die Kakerlaken übergeht ...”

Oft ist jetzt in den Nachrufen auf Peter Rühmkorf sein selbst gefertigter „Grabspruch” zitiert worden: „Schaut nicht so bedeppert in diese Grube. / Nur immer rein in die gute Stube. / Paar Schaufeln Erde und wir haben / ein Jammertal hinter uns zugegraben.” Nun: ein „Jammertal” war Peter Rühmkorf das “Irdische Vergnügen in g” nicht immer und schon gar nicht ganz & gar; zur Hälfte gewiss auch ein Freudental für den Dichter und Peniden. „Immer gut, etwas Neues anzupacken, / Dann packt dich das Neue von selbst beim Nacken. / Grad heute mich wieder mal aufgerafft / und gleich ein Totentänzchen geschafft!“ Ein Totentänzchen namens Paradiesvogelschiß. Geschafft. Sela Psalmenende. 

 

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