Gilbert Achcar: Die Araber und der Holocaust Hans Arthur Marsiske: Kriegsmaschinen Aléa Torik: Das Geräusch des Werdens von Michael Ebmeyer Kennzeichen T - 28.04.2012 Nis-Momme Stockmanns Heimkehrstück "Der Freund krank" in Frankfurt uraufgeführt
Donnerstag, 17. Mai 2012 | 06:41

Ricardo Piglia: Brennender Zaster

20.02.2004




Ausgeflippte Desperados

Kokainsüchtige Desperados zucken aus und entfachen ein brutales Szenario.


 

„[...], und er sah nicht, wie der Nene die Beißzange herausnahm, die Kette durchtrennte, den Aktenkoffer mit den Moneten an sich riß und ihm, während er sich rückwärts gehend entfernte, in die Brust schoß. Er sah auch nicht, wie der Gaucho mit dem hinter dem Strumpf versteckten Gesicht den Polizisten mit einem Genickschuß erledigte. Er hatte ihn einfach so getötet, der Gaucho Dorda, denn der Polizist war keine Gefahr für ihr gewesen. Er hatte ihn getötet, weil er die Polizei mehr als alles andere auf der Welt haßte und auf irrationale Weise glaubte, daß die Polizisten, die er tötete, nicht durch andere ersetzt würden.“

Ricardo Piglias „Brennender Zaster“ ist ein gewalttätiges Buch. Ein Menschenleben bedeutet gar nichts. Ist jemand zufällig im Weg, zur falschen Zeit am falschen Ort, wird ihm die Rübe weggepustet. Selbst vor Kindern machen jene vier Männer, die einen Geldtransport überfallen, nicht halt.

Die Geschichte, die Piglia erzählt, hat sich zwischen dem 27. September und dem 6. November 1965 zugetragen. Ihr Ausgangspunkt ist Buenos Aires und sie endet in Montevideo in Form eines blutigen Showdowns. Aus entsprechender zeitlicher Distanz (die Originalausgabe ist 1997, also mehr als 30 Jahre nach dem Verbrechen, erschienen) gelingt es dem Autor, ohne für irgendeine Gruppe oder Person Position zu beziehen, dem Leser emotionslos Fakten anzubieten, diese zu sortieren, allenfalls sachlich zu interpretieren. Die Handlung läuft ab wie ein Film. Bald hat der Leser die Protagonisten „intus“ und diese spielen vor seinem inneren Auge ihre Rollen.

Die vier Geldräuber sind kokainsüchtige Desperados. Nach dem Überfall beginnt eine brutale Verfolgungsjagd, welche bei den Gangstern zusätzliches Gewaltpotential freisetzt. Die Situation schaukelt sich zusehends hoch. Den Verbrechern gelingt zwar die Flucht nach Uruguay, dort allerdings werden sie gestellt: So in die Enge getrieben zünden sie vor laufenden Fernsehkameras das Geld an und werfen es aus dem Fenster - um innerhalb einer vollkommen aussichtslosen Situation doch noch einen Schlag gegen die Gesellschaft anzubringen.

„Sie begannen, Tausend-Peso-Scheine anzuzünden und aus dem Fenster zu werfen. Vom Klappfenster in der Küche segelte der brennende Zaster auf die Straßenkreuzung hinunter. Die flammenden Scheine sahen aus wie leuchtende Schmetterlinge.
Ein empörtes Gemurmel ging durch die Menge.
‚Sie verbrennen es.’
‚Sie verbrennen den Zaster.’“

Erste Berührung mit der im Buch erzählten Geschichte machte der Autor Anfang 1966, als er in einem Zug nach Bolivien Blanca Galeano kennen lernte, die von den Zeitungen als „Geliebte“ des Pistoleros Mereles bezeichnet wurde. 1969 schrieb er eine erste Version des Buches, um es dann beiseite zu legen. Erst 1995 schrieb er den Roman vollkommen neu. Ricardo Piglia wurde 1941 in Buenos Aires geboren. „Brennender Zaster“ ist sein erstes Buch auf deutsch.


Mike Markart



Ricardo Piglia: Brennender Zaster. Wagenbach-Verlag, 189 S., 34 DM. ISBN: 3-8031-3155-3

Von der Verrohung des Bürgertums

Ja, die Welt ist schlecht, weil ungleich. Aber hurra – wir tun doch was! Das Netzwerk der »Tafeln« sorgt dafür, dass auch Hartz-IV-ler würdig ...

Wenn man mit der Mafia seinen Doktor macht

Zwei Neuerscheinungen aus Deutschland und den USA nehmen einen trivialen Gegenstand ernst: die erfolgreiche Fernsehserie The Sopranos, die im Mafia-Milieu spielt. THOMAS ROTHSCHILD hat ...

Propagandaschlachten

Nahost-Interessierte kennen die Situation: geht es um Araber und den deutschen Nationalsozialismus, ist die Diskussion zuende, sobald ein Name fällt. Der 1974 verstorbene Großmufti von ...

Vergangen, aber nicht vorbei

Vor nicht einmal 25 Jahren war sie noch in aller Munde, die Apartheid, und ebenso das Land, zu dem sie allein zu gehören schien, Südafrika. Heute scheint sie und die unmenschlichen ...

Gesamtnote: zehn. Bestanden!

Heute heißt es runter, heute ist Sturzflugprüfung und Telemark muss springen. Edward van de Vendel und Alain Verster erzählen in Die Taube, die sich nicht traute von jenem ...

Der Kaiser der Revolution

Die Geschichte des Films ist, technisch betrachtet, die Geschichte einer permanenten Annäherung an die Wirklichkeitsillusion. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts aus einer Kombination dreier ...

Is it the end...my friend?

Nach dem Ende des dritten Teiles der Mass-Effect-Trilogie ist es Zeit,, völlig nüchtern Bilanz zu ziehen: RUDOLF INDERST will vollkommen sachlich über ein Spiel-Dreigespann ...