„[...], und er sah nicht, wie der Nene die Beißzange herausnahm, die Kette durchtrennte, den Aktenkoffer mit den Moneten an sich riß und ihm, während er sich rückwärts gehend entfernte, in die Brust schoß. Er sah auch nicht, wie der Gaucho mit dem hinter dem Strumpf versteckten Gesicht den Polizisten mit einem Genickschuß erledigte.
Er hatte ihn einfach so getötet, der Gaucho Dorda, denn der Polizist war keine Gefahr für ihr gewesen. Er hatte ihn getötet, weil er die Polizei mehr als alles andere auf der Welt haßte und auf irrationale Weise glaubte, daß die Polizisten, die er tötete, nicht durch andere ersetzt würden.“Ricardo Piglias „Brennender Zaster“ ist ein gewalttätiges Buch. Ein Menschenleben bedeutet gar nichts. Ist jemand zufällig im Weg, zur falschen Zeit am falschen Ort, wird ihm die Rübe weggepustet. Selbst vor Kindern machen jene vier Männer, die einen Geldtransport überfallen, nicht halt. Die Geschichte, die Piglia erzählt, hat sich zwischen dem 27. September und dem 6. November 1965 zugetragen. Ihr Ausgangspunkt ist Buenos Aires und sie endet in Montevideo in Form eines blutigen Showdowns. Aus entsprechender zeitlicher Distanz (die Originalausgabe ist 1997, also mehr als 30 Jahre nach dem Verbrechen, erschienen) gelingt es dem Autor, ohne für irgendeine Gruppe oder Person Position zu beziehen, dem Leser emotionslos Fakten anzubieten, diese zu sortieren, allenfalls sachlich zu interpretieren. Die Handlung läuft ab wie ein Film. Bald hat der Leser die Protagonisten „intus“ und diese spielen vor seinem inneren Auge ihre Rollen. Die vier Geldräuber sind kokainsüchtige Desperados. Nach dem Überfall beginnt eine brutale Verfolgungsjagd, welche bei den Gangstern zusätzliches Gewaltpotential freisetzt. Die Situation schaukelt sich zusehends hoch. Den Verbrechern gelingt zwar die Flucht nach Uruguay, dort allerdings werden sie gestellt: So in die Enge getrieben zünden sie vor laufenden Fernsehkameras das Geld an und werfen es aus dem Fenster - um innerhalb einer vollkommen aussichtslosen Situation doch noch einen Schlag gegen die Gesellschaft anzubringen.
„Sie begannen, Tausend-Peso-Scheine anzuzünden und aus dem Fenster zu werfen. Vom Klappfenster in der Küche segelte der brennende Zaster auf die Straßenkreuzung hinunter. Die flammenden Scheine sahen aus wie leuchtende Schmetterlinge.
Ein empörtes Gemurmel ging durch die Menge.
‚Sie verbrennen es.’
‚Sie verbrennen den Zaster.’“Erste Berührung mit der im Buch erzählten Geschichte machte der Autor Anfang 1966, als er in einem Zug nach Bolivien Blanca Galeano kennen lernte, die von den Zeitungen als „Geliebte“ des Pistoleros Mereles bezeichnet wurde. 1969 schrieb er eine erste Version des Buches, um es dann beiseite zu legen. Erst 1995 schrieb er den Roman vollkommen neu. Ricardo Piglia wurde 1941 in Buenos Aires geboren. „Brennender Zaster“ ist sein erstes Buch auf deutsch.
Mike Markart
Ricardo Piglia: Brennender Zaster. Wagenbach-Verlag, 189 S., 34 DM. ISBN: 3-8031-3155-3