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Donnerstag, 17. Mai 2012 | 06:38

Ricardo Piglia: Künstliche Atmung

20.02.2004

 

Das Unsagbare sagen

Der Roman, den Piglia in den Jahren der argentinischen Militärdiktatur schrieb und veröffentlichte, zwingt dem Betrachter nach und nach nicht nur seinen Rhythmus, sondern auch seine Betrachtungsweise auf.


 

Obwohl Ricardo Piglia zweifellos zu den renommiertesten Autoren Südamerikas zählt, musste sein wohl bedeutendster Roman „Künstliche Atmung“ fast ein Vierteljahrhundert auf die deutsche Übersetzung warten. Angesichts der geradezu hysterischen Begeisterung für alle kulturellen Erzeugnisse, die unter dem „Latino“-Deckmantel in den letzten Jahren erfolgreich verschachert wurden, ist das einigermaßen erstaunlich, wenn auch keineswegs unerklärlich. Denn Piglias Roman unterscheidet sich von den bisweilen Schauder erregenden Produkten folkloristisch angehauchter Selbst- und Fremdverstümmelung durch historische Gründlichkeit und aufrichtiges Erkenntnisinteresse.

Letzteres treibt denn auch den Protagonisten Emilio Renzi, seinen sagenumwobenen o­nkel Marcelo Maggi, den er bereits zum Gegenstand eines Romans gemacht hat, endlich persönlich kennen zu lernen. Doch dieses Vorhaben erweist sich als unmöglich, denn Maggi wandelt seinerseits auf den Spuren eines Vorfahren, der in der argentinischen Geschichte des 19. Jahrhunderts eine zweideutige Rolle spielte und Entwürfe für einen Zukunftsroman hinterließ, der im Jahr 1979 spielen sollte. In genau diesem trifft Renzi anstelle seines o­nkels auf den geheimnisvollen Polen Tardewski, der als literarische Spiegelung des berühmten Dichters Witold Gombrowicz wiederum eigene Theorien über das Zusammenspiel von Geschichte, Gegenwart und Zukunft vertritt und darüber hinaus noch eigenwillige Hypothesen über mögliche persönliche Zusammentreffen von Adolf Hitler und Franz Kafka in den Raum stellt.

Ricardo Piglia konfrontiert seine Leser durch eine Unzahl historischer Verweise und den permanenten Wechsel der Erzählperspektive mit einer Reihe technischer Probleme, die das anfängliche Lektürevergnügen nachhaltig eintrüben. Trotzdem zwingt der Roman, den Piglia in den Jahren der argentinischen Militärdiktatur schrieb und veröffentlichte, dem Betrachter nach und nach nicht nur seinen Rhythmus, sondern auch seine Betrachtungsweise auf. In immer neuen Anläufen versucht der Autor, seinem erklärten Ziel, „das Unsagbare zu sagen“, näher und näher zu kommen und entwirft dabei ein Panoramabild historischer Entwicklungen und aktueller Situationen, das nicht nur in und nicht nur für Argentinien von Interesse ist. Zeigt es doch in übergroßer Deutlichkeit, wie problematisch der Umgang mit Geschichte, wie herausfordernd aber vor allem der Anspruch sein kann, sich selbst als historisches Subjekt und Objekt zu betrachten.

Piglias Roman verdient aber noch aus einem ganz anderen Grund besondere Aufmerksamkeit. Denn die Art und Weise, wie sich seine Figuren aus der Bedrohung durch die Diktatur in die abstrusesten geistigen Auseinandersetzungen flüchten und ihr Bildungsgut wie einen Schutzwall gegen die Unbillen der Realität um sich versammeln, vermittelt einen ernüchternden, aber wohl nicht ganzen falschen Eindruck von der Rolle, welche eine selbsternannte oder sogenannte Intelligenz unter vergleichbaren staatlichen Rahmenbedingungen spielen kann oder spielen will ...


Thorsten Stegemann



Ricardo Piglia: Künstliche Atmung, Wagenbach, 224 S., 19,50 ¤. ISBN: 3803131731

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